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Kratzer im Lack

Kratzer im Lack

Titel: Kratzer im Lack
Autoren: Mirjam Pressler
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1.
    Herbert wird wach, als seine Mutter nebenan im Badezimmer die Wasserspülung drückt. Er wird immer so früh wach, er hat einen ganz leichten Schlaf. Die Autos, die draußen auf der Straße vorbeifahren, die stören ihn nicht, an dieses Geräusch ist er so gewöhnt, dass er es fast nicht mehr wahrnimmt. Aber das Klappen einer Tür, die Wasserspülung, das Klirren von Tellern und Tassen in der Küche, das weckt ihn auf.
    Er weiß, dass das seine Mutter ist, nebenan im Badezimmer. Sie steht immer als Erste auf, und erst dann, wenn sie das Frühstück fertig hat, wenn die Brote zum Mitnehmen geschmiert und eingepackt sind, wenn die Thermosflasche gefüllt ist und die Kaffeekanne auf dem Tisch steht, weckt sie den Vater. Seine Schicht fängt um sechs Uhr an. Jetzt muss es ungefähr fünf sein. Nur ganz selten fährt er nachts. Das bringt zwar mehr Geld ein, aber er hält das nicht aus, sagt er. Eine Nacht fahren schafft ihn mehr als drei Tage. Er braucht seinen Schlaf vor Mitternacht.
    Herbert weiß, dass er sich jetzt noch mal die Decke hochziehen und vor sich hin dösen kann. Wahrscheinlich wird er sogar wieder einschlafen. Er mag diese Zeit am Morgen, wenn noch niemand etwas von ihm will, wenn noch niemand etwas an ihm auszusetzen hat. Es ist eine friedliche Zeit vor dem Aufstehen, eine Zeit voller Träume und Hoffnungen. Manchmal erzählt sich Herbert auch Geschichten von Butch, dem großen Helden, aber das gelingt ihm nicht immer. Oft drängt sich der Tag, der gerade beginnt, in seine Gedanken und lässt ihn nicht mehr los. Dann würde er am liebsten aufstehen und die Angst wegduschen, sie mit Seifengeruch und Zahnpastageschmack vertreiben.
    Nur die Angst vor der Morgenmuffigkeit seines Vaters hält ihn dann zurück. Was machst du denn jetzt schon in der Küche, würde der dann sagen. Du weißt doch, dass ich das nicht will. Mich macht Trubel morgens ganz verrückt.
    Es wird schon hell draußen. Durch die Ritzen des schlecht schließenden Rollladens kriecht die Dämmerung in sein Zimmer. Er zieht sich die Decke über den Kopf, baut sich ein stickiges Zelt, das ihn abschirmt von der Außenwelt. Er stellt sich vor, wie es wäre, nicht mehr aufzuwachen, abends einzuschlafen und morgens nicht mehr aufzuwachen. Diese Vorstellung hat nichts Bedrohliches für ihn.
    Durch das blau-weiß karierte Steppdeckendach dringen die Geräusche nur gedämpft und leise zu ihm, aber er kann sich ihnen nicht ganz entziehen. Sein Vater räuspert sich, hustet, zieht tief aus seiner Brust den Schleim hoch und spuckt ihn ins Waschbecken. Obwohl er dabei das Wasser laufen lässt, sieht Herbert später noch Schleimfetzen, die sich an den Unebenheiten und Sprüngen des alten Porzellanbeckens festgehakt haben und glitschig im fließenden Wasser schwimmen. Herbert ekelt sich davor. Der Vater könnte ein Taschentuch benutzen oder wenigstens das Waschbecken richtig sauber machen. »Raucherhusten ist das«, sagt die Mutter immer. »Du wirst es schon noch merken, wenn du älter bist.«
    Herbert dreht sich auf die andere Seite. Vielleicht wird er heute einen guten Tag haben. Er hat lange geschlafen, er ist ausgeruht und stark. Er wird in die Schule gehen, die immer noch neue Schultasche in der Hand. Er hat sie zu seinem vierzehnten Geburtstag bekommen. Vorher hatte er noch mit einem Ranzen gehen müssen, orange mit weißen Steppnähten, obwohl keiner aus seiner Klasse mehr einen Ranzen getragen hatte. Das ist nun vorbei. Er hat eine Tasche wie die anderen.
    »Du bist jetzt groß«, hat sein Vater gesagt. »Bald bist du erwachsen.«
    »Es wird Zeit, dass er wächst«, hat die Mutter gesagt. »Und wie dünn er ist. Schau, nur Haut und Knochen.« Der Vater hat Herbert prüfend betrachtet und dann genickt. »Ja, das stimmt. Ich in seinem Alter, ich stand ganz anders da. Aber das hat er von dir. Bei euch sind alle so. Denk mal an deinen Bruder, der ist doch heute noch kein richtiger Kerl.«
    Herbert hat beim Zuhören ein Gesicht gemacht, als hörte er nichts. Er hätte es auch lieber nicht gehört, er wollte gar nicht wissen, wie sein Vater mit vierzehn dagestanden hat. Aber er konnte auch nicht einfach aus dem Zimmer gehen und die Tür hinter sich zumachen, da hätte es Krach gegeben. Seine Eltern machen das oft so, dass sie von ihm sprechen, als wäre er gar nicht dabei. Herbert fühlt sich dann wie ein Gegenstand.
    Zum Geburtstag hat er eine Aktentasche bekommen und das Fahrrad, das er sich schon lange gewünscht hatte. »Aber mit dem Rad fährst du

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