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Kommissar Pascha

Kommissar Pascha

Titel: Kommissar Pascha
Autoren: Su Turhan
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    Prolog
    Z iemlich genau vor einem Jahr fasste Kommissar Zeki Demirbilek einen Entschluss: Er wollte statt jeden Sonntag nur jeden zweiten Sonntag Schweinebraten essen. Zum einen wegen der Kalorien, zum anderen hatte er ein schlechtes Gewissen. Dem Münchner türkischer Abstammung war sehr wohl bewusst, mit den Essgewohnheiten gegen die Regeln seines Glaubens zu verstoßen.
    Nur, er konnte nicht anders.
    Obwohl seine Eltern Fatma und Zülfü ihrer Pflicht nachgekommen waren und ihren einzigen Sohn in die Koranschule schickten, wie es die Tradition verlangte. Bis zum zwölften Lebensjahr lernte Zeki, den Koran zu lesen, und wurde in religiösen Fragen unterrichtet. Das war ein selbstverständlicher Bestandteil seines Alltags. Bis zu dem Tag, an dem seine Eltern sein Leben auf den Kopf stellten.
    Zeki kam nach Hause in die Karadeniz Caddesi, war unterwegs gewesen mit einem Plastikball und einer Horde kurzgeschorener Freunde. Seine Eltern erwarteten ihn in der Küche. Während er aus dem Kühlschrank eine eiskalte Flasche Leitungswasser holte, rückten sie mit der Neuigkeit heraus, dass sie nach
Almanya
gehen würden, um dort zu arbeiten. Er wollte nicht. Etwas Besseres als seine Heimatstadt Istanbul und sein Stadtviertel Fatih konnte er sich nicht vorstellen. Er war glücklich, war in der Schule einer der Besten, hatte gute Freunde, liebte seine Großeltern
babaanne
und
dede,
und natürlich die gleichaltrige Selma, seine ultraheimliche Freundin. Trotz Weinkrämpfen und Protesten erreichten die Demirbileks drei Wochen später mit dem Nachtzug Augsburg, wo seine Eltern eine Anstellung als Lehrkräfte für türkischen Heimatunterricht antraten. Zwei Jahre Auslandserfahrung, die deutsche Sprache perfektionieren, Deutschmark sparen, wieder zurück nach Istanbul, so die Lebensplanung. Zeki hatte heute noch das Tuscheln und hämische Kichern seiner damals neuen Mitschüler im Ohr, als er sich in gebrochenem Deutsch der Klasse vorstellte. Nach zwei Jahren im beschaulichen Augsburg folgte der Umzug nach München. Dort bezogen die Demirbileks in einer Hochhaussiedlung in Neuperlach eine Zweizimmerwohnung. Zeki dachte gerne an jene Zeit zurück. Dort fanden sich Kinder in seinem Alter, die ausländisch wie er aussahen und Türkisch sprachen; die Jungs konnten mit den Spielernamen seines Vereins Fenerbahçe etwas anfangen. Es war ein bisschen wie in Istanbul, auch wenn ihm Selma sehr fehlte und natürlich seine Großeltern, mit denen er von Geburt an unter einem Dach gelebt hatte. Nach bereits einem Jahr erfolgreicher Assimilation an die deutschen Verhältnisse wechselten sie in das schicke Viertel Haidhausen. Der soziale Aufstieg erlaubte der Familie eine schöne Wohnung mit drei Zimmern und Balkon. »
Bak oğlum,
noch ein Jahr, dann haben wir genug gespart …« Dieser Satz seines Vaters hatte sich für alle Zeiten in Zekis Kopf festgesetzt. Jahr für Jahr bekam er ihn zu hören. Im fünften Jahr zog er sich wortlos in sein Zimmer zurück. Ihm war klar, dass seine Eltern nicht zurückkehren würden. Fieberhaft tüftelte er zu jener Zeit an einem Handschriften-Analysesystem, um einen Übeltäter auf dem Gymnasium zu überführen. Der Unbekannte hatte an die Wand im Pausenhof eine Preisliste gekritzelt, um sexuelle Dienste einer Mitschülerin zu bewerben. Nachdem er den Schmierfink tatsächlich ausfindig gemacht hatte, die Bestrafung jedoch ausblieb, weil er der Sohn des Direktors war, holte Zeki aus dem Keller den orangefarbenen Autolack, den sein Vater für den Opel Kadett gekauft hatte. Es waren noch vier Wochen bis zu den Abiturprüfungen. Zekis Leistungen in Chemie, Physik und Wirtschaft waren nicht überzeugend. Er war renitent. Hatte eine ungezügelte Streitlust, immer dann, wenn es gegen seine türkische Heimat ging oder Ungerechtigkeiten als Selbstverständlichkeit hingenommen wurden. So sprayte er an die Wand die orange leuchtende Mitteilung: »Dirk Kauzner bläst Schwänze. Unkostenbeitrag 5   DM .« Dirk Kauzner war der Sohn des Direktors. Und nach alter Familientradition trug Dirk denselben Vornamen wie sein Vater.
    Nach dem Vorfall stellte der vor Wut schäumende Vater seinen Sohn Zeki zur Rede: »Hast du dich anständig auf das Abitur vorbereitet?«
    Als keine Antwort kam, holte der Vater tief Luft.
    »Nein! Hast du nicht! Du hast die letzten Wochen damit verbracht, den schamlosen Jungen zu überführen.«
    Zeki nickte.
    »Hat dir das Freude gemacht?«
    Zeki nickte erneut.
    »Gut, dann nehme ich dich vom

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