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Komme, was Wolle

Komme, was Wolle

Titel: Komme, was Wolle
Autoren: Gil McNeil
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K APITEL EINS
     
    Zeig mir den Weg nach Hause
     
    Montagmorgen sieben Uhr, und die Umzugsleute sind seit sechs hier. Sie packen im Wohnzimmer fleißig Umzugskisten und sind sauer, weil ich den Teekessel verschusselt habe, der wahrscheinlich in einer der Kisten liegt, die sie bereits in den Transporter getragen haben, aber da auch meine Liste futsch ist, weiß ich nicht mehr, in welcher. Ich sitze in meiner Küche, lege letzte Hand an die Borte von Jacks neuer Decke und versuche, ganz ruhig zu bleiben, aber sogar der vertraute Rhythmus der Stricknadeln hilft wenig. Wenn Tod, Scheidung und Umziehen zu den drei stressigsten Dingen gehören, die man im Leben zu bewältigen hat, ist es ein echtes Wunder, dass ich immer noch aufrecht stehe. Allerdings habe ich irgendwie merkwürdige Krämpfe im Rücken und gehe mehr oder weniger gebeugt, ein bisschen wie der Glöckner von Notre Dame, wie Archie gestern hilfreich anmerkte, nur ohne die Glocken. Ich habe so ein Gefühl, dass dies ein sehr langer Tag wird.
    »So machen Lamas nicht, du Blödi. Sie machen so.«
    Archie macht Spuckgeräusche. Lamas? Wie sind sie denn jetzt bloß auf Lamas gekommen? Verdammt, ich war in Gedanken versunken, während sie frühstückten, und es hört sich schwer danach an, als ob ein Megastreit im Anmarsch wäre.
    »Doch, machen sie. Wir hatten sie in unserem Tierprojekt, aber das kannst du natürlich nicht wissen, weil du noch in der Anfängerklasse bist. Bei den Babys.«
    Jack grinst süffisant, weil er sechseinhalb ist und Archie erst fünfeinviertel. Es ist sein Liebstes, Archie daran zu erinnern, dass er der Kleine ist und immer bleiben wird. Und Archie ist bereits stinkig, weil Jack sich den Rest Weetabix geschnappt und ihn praktisch noch im Halbschlaf dazu gezwungen hat, die Protestnummer »Ich-esse-keine-Shreddies« abzuziehen. Er macht also eine finstere Miene und starrt Jack wütend an.
    »Es sind keine Babys, du Doofi, und es war im Fernsehen, und sie können dir direkt auf den Kopf spucken, sogar wenn sie ganz weit weg sind, können sie das. Echt super.«
    Hilfe, ich glaube, ich weiß, was als Nächstes kommt.
    Er spuckt Jack an wie ein Lama, und Jack kreischt und spuckt zurück. Jeden Augenblick werden sie aufeinander losdreschen, und Jack hat immer noch eine beachtliche Beule an der Stirn von letzter Woche bei Tesco, wo ihn das falsche Ende einer großen Flasche Weichspüler getroffen hat.
    »Hört auf, alle beide. Sofort.«
    Sie ignorieren mich und fangen an, sich zu schubsen. Ich glaube, es ist der absolut passende Zeitpunkt für Mummys kleine Liste nützlicher Drohungen.
    »Kein Fernsehen für alle Bruderschubser. Absolut keins. Aber vielleicht Comics für alle, die brav sind.«
    Sie erstarren zu einem Standbild, während sie sich das durch den Kopf gehen lassen. Wenn ich schnell noch einen kleinen Wettkampf drauflege, habe ich vielleicht eine Chance. »Wer heute wohl als Erster angezogen ist? Ich wette, das bin ich.«
    Als ich auf die Küchentür zugehe, werde ich von zwei kleinen Jungs beiseitegestoßen, die wie der Wind zur Treppe flitzen. So ziemlich alles in unserem Haus dreht sich darum, wer der Erste ist. Das trifft mich besonders hart, wenn ich daran denke, wie viele Stunden ich damit verbracht habe, Bücher über Geschwisterrivalität zu lesen und alles richtig zu machen, wie zum Beispiel darauf zu achten, dass der ehemalige Prinz von dem neugeborenen Thronfolger bei seiner Geburt etwas Besonderes geschenkt bekommt und dass jeder, der sich länger als zehn Sekunden bei dem Winzling aufhält, ohne ihn mit irgendeinem spitzen Gegenstand zu pieksen, ganz doll gelobt wird. Allerdings habe hauptsächlich ich all diese Bücher verschlungen. Nick meinte, ich solle mit dem Getue aufhören und es sei sowieso alles Quatsch. Er habe seinem Bruder mal einen doppelten Armbruch verpasst, als er ihn vom Baum geschubst habe, aber das sei nun mal typisch für Jungs, und heute würden sie nur noch darüber lachen; was nicht ganz stimmt, da James ziemlich dünne Lippen bekam, als ich es letzte Weihnachten erwähnte. Manchmal habe ich das Gefühl, quasi permanent den Vermittler zu spielen und die Vorzüge von Liebe und Frieden zu preisen wie ein bekloppter alter Hippie. Aber dann gibt es auch wieder kurze Momente von Zärtlichkeit, in denen man eine leise Ahnung davon bekommt, wie sie vielleicht mit zwanzig sind, wenn sie aufgehört haben, sich zu prügeln. Du liebe Güte. So viel Stress am frühen Morgen ist definitiv nichts für

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