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Knochenpfade

Knochenpfade

Titel: Knochenpfade
Autoren: Alex Kava
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1. KAPITEL
    Pensacola Bay
    Pensacola, Florida
    Elizabeth Bailey gefiel überhaupt nicht, was sie da unten sah. Inzwischen waren sie mit ihrem Helikopter bis auf sechzig Meter über der tosenden Wasseroberfläche hinuntergeschwebt. Aber dieses Objekt sah immer noch aus wie ein Container und ganz sicher nicht wie ein gekentertes Boot. Keine Ertrinkenden, die verzweifelt mit den Armen ruderten. Keine zappelnden Beine oder untertauchenden Köpfe. Soweit sie die Lage überblicken konnte, musste hier niemand gerettet werden. Trotzdem bestand ihr Pilot und Einsatzleiter Lieutenant Commander Wilson darauf, sich die Sache näher anzusehen. Gemeint war, dass Liz sich das näher ansehen sollte.
    Liz Bailey war erst siebenundzwanzig, aber eine erfahrene Rettungsschwimmerin der Küstenwache. Nach dem Hurrikan Katrina hatte sie innerhalb von zwei Tagen sicher mehr Leben gerettet als Wilson in seiner gesamten zweijährigen Laufbahn. Liz war auf wacklige Balkone gesprungen, hatte sich die Knie an windzerschlagenen Dächern zerschrammt und war durch wadentiefes, mit Unrat gefülltes und nach Klärschlamm stinkendes Wasser gewatet.
    Aber sie würde sich hüten, eine derartige Bemerkung von sich zu geben. Jetzt zählte es nicht, an wie vielen Such- und Rettungsaktionen sie bereits teilgenommen hatte. Hier bei der Flugbasis der Küstenwache in Mobile war sie eine Anfängerin und musste sich von Neuem beweisen. Nicht gerade hilfreich war dabei, dass in ihrer ersten Woche jemand die Frauen-Umkleide mit einer Menge Internetbilder von ihr vollgekleistert hatte. Sie stammten aus einer Ausgabe des “People”-Magazins von 2005. Ihre Vorgesetzten sahen in dieser Reportage eine gute Werbung für die Küstenwache. Vor allem, weil andere Militär- und Regierungsorgane im Rettungseinsatz nach Katrina ein ziemlich schlechtes Bild abgegeben hatten. Doch in solchen Verbänden konnte es die Teamarbeit stören, wenn eine bestimmte Person besondere Aufmerksamkeit erhielt. Dieser ungewollte Ruhm hatte Liz’ Karriere einen empfindlichen Stoß versetzt. Noch fünf Jahre später verfolgte diese Geschichte sie wie ein Fluch.
    Im Vergleich dazu erschien Wilsons Anordnung nun geradezu harmlos. Und wenn es sich bei diesem im Meer treibenden Container um einen über Bord gefallenen Fischkühler handelte – was konnte es schaden, das zu überprüfen? Wenn man mal davon absah, dass Rettungsschwimmer darauf trainiert waren, unter Einsatz ihres Lebens Menschen vor dem Ertrinken zu bewahren – nicht irgendwelche Gegenstände zu bergen. Tatsächlich gab es diesbezüglich ein stilles Übereinkommen. Nach der Bergung von Rauschgiftpäckchen waren bei mehreren Rettungsschwimmern Drogen im Blut nachgewiesen worden. Danach hatte man beschlossen, dieses Risiko sei für die Rettungsteams zu groß. Wilson musste das diesbezügliche Memo entgangen sein.
    Abgesehen davon konnte ein Rettungsschwimmer jeden Einsatz ablehnen. Mit anderen Worten: Sie könnte Lieutenant Commander Noch-keine-tausend-Flugstunden Wilson sagen, dass sie zum Teufel noch mal wegen einer verlorenen Fischkühlbox nicht in die gefährlich aufgewühlten Fluten springen würde.
    Wilson wandte sich in seinem Sitz um und blickte sie an. Die Art, wie er sein eckiges Kinn hielt, erinnerte sie an einen Boxer. Als würde er sich darauf vorbereiten, einen Haken zu parieren. Seine Augen glitzerten angriffslustig. Er schob das Visier seines Helms hoch, damit die Wirkung dieses Blicks nicht geschmälert wurde. Es war nicht notwendig, noch auszusprechen, was seine Körpersprache bereits verkündete. “Also, Bailey, spielen Sie nun die Primadonna, oder sind Sie im Team?”
    Liz war nicht dumm. Sie wusste, dass sie sich als eine von weniger als einem Dutzend weiblicher Rettungsschwimmer in einer Sonderstellung befand. Für sie war es nichts Neues, dass sie sich ständig beweisen musste. Sie kannte die Risiken unten im Wasser genauso wie die hier oben im Hubschrauber. Diesen Männern musste sie vertrauen. Sie waren diejenigen, die sie wieder hochzogen, wenn sie zwanzig Meter tiefer am Seil in der Luft baumelte. Wenn das Wasser unter ihr wütete und sie im Sturm hin und her geworfen wurde.
    Mit den komplizierten Balanceakten, die solche Situationen erforderten, war sie bereits lange Zeit vertraut. Einerseits musste sie sich ihre Selbstständigkeit bewahren, um weiterhin unabhängig arbeiten zu können. Aber sie wusste auch, dass diese Einsatzgruppe ein empfindliches soziales Gefüge war. Ihr Leben lag letztendlich in

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