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Klotz, Der Tod Und Das Absurde

Titel: Klotz, Der Tod Und Das Absurde
Autoren: Christian Klier
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Prolog
    23. Juni
    Der Lange stand da und schlotterte. Mit seinen billigen CA -Jeans und den schmalen Schultern
hatte er irgendwie etwas von Stan Laurel, nachdem ihm Ollie ein paar
heruntergehauen hatte.
    Wie leicht das gegangen war. Das würde er später denken, in fünf
Minuten würde er das denken, jetzt nicht. Jetzt schrie er auf, als er sah, was
sein Kumpel da tat.
    »Verdammt noch mal, was machst du da? Bist du noch ganz dicht?«
    »Stell dich nicht so an! Du wolltest es doch auch, oder? Wer A sagt,
muss auch B sagen! Oder willst du, dass wir erwischt werden?«, schrie der
Gutaussehende zurück.
    Der Lange wandte sich ab, sah hinüber zu der Bundesstraße, auf der
die kalten Lichter der Autos vorbeischossen, und wusste, dass dies ein
historischer Tag war. Dass nichts mehr so sein würde wie zuvor. Nie mehr, nicht
eine Sekunde lang, nicht einen Moment, einen Lidschlag lang würde sein Leben so
sein dürfen, wie es vor diesem Tag war. Alles verloren. Verloren, vernichtet,
umsonst. Umsonst all die Anstrengungen, Hoffnungen, Ziele, Ideen, Visionen,
Gedanken und Pläne. Kaputt, zerstört, unwiderruflich zerronnen.
    Er sah hinüber zu den Wohnhäusern, zu den Büros und bunten
Werbeleuchten, die jenseits der Straße und des angrenzenden Kanals lagen. Sah
die dunklen Silhouetten in den erleuchteten Fenstern, sah sie gestikulieren,
vorbeihuschen oder einfach nur unbeweglich dasitzen oder -stehen und spürte die
Mauer, die Trennwand, die sich plötzlich und unerwartet zwischen ihn und die
Welt geschoben hatte. Und er begann zu weinen.
    »Hey, Patrick, kümmer dich mal um den Langen. Ich glaub, der dreht
durch«, befahl der Gutaussehende, während er die Messerklinge aus dem leblosen
Körper zog. Ein paar Sekunden später quoll das Blut aus der Wunde.
    Der Dicke stand abseits, hatte eine Hand an einem Betonpfeiler des
Rohbaus und die andere am Bauch. Sein Oberkörper zuckte rhythmisch nach vorn.
Er musste sich übergeben.
    »Mist, verdammter! Das krieg ich doch nie mehr raus!«, fluchte der
Gutaussehende.
    Als er das Messer herausgezogen hatte, war Blut auf den Ärmel
gespritzt. Wütend sah er hoch, zur Spitze der Pyramide, dann auf die tropfende
Klinge, als sei sie daran schuld, dass sein Hemd jetzt schmutzig war. Dann sah
er rüber zum Dicken, der immer noch vornübergebeugt wie ein Häufchen Elend
dastand und konvulsivische Bewegungen vollführte, obwohl schon längst nichts
mehr kam.
    »Das war’s, Leute, Abmarsch! Mir reicht’s! Was ist los, Patrick? Was
ist mit dem Langen?«
    Er sah nichts mehr, keine Lichter mehr und auch keine Silhouetten an
den Fenstern. Alles war verschwommen. Alles wollte versenkt sein, in
Vergessenheit geraten, für immer, für ewig. In die Geschichte würde er
eingehen, dieser 23. Juni 1988. In seine persönliche, intimste Geschichte. Als
der Tag der Niederlage, der point of no return , der ultimative breaking point. Und mit einem Mal war alles klar, und die Tränen waren weg, als er
wieder auf die Straße blickte und die schnellen Lichter sah. Der rettende
Gedanke, wie ein Blitzschlag, der plötzlich durch das marode Gehirn zuckt und
noch einmal alle Lebensgeister zurückruft.
    »Mach keinen Blödsinn, Langer! Reiß dich zusammen, Mann! Wenn ich
das gewusst hätte. Wärst besser zu Hause geblieben!«, herrschte ihn der
Gutaussehende an.
    Patricks Hand hatte sich fest um seinen Oberarm gelegt. Warum, warum
nur? Warum gerade jetzt, wo alles so glasklar, so eindeutig war und er hatte
loslaufen wollen?
    Das Leben war nicht ungerecht. Das Leben war schlimmer. Nur fünf
Minuten, Gott. Gib mir nur fünf Minuten. Die letzten. Dreh sie zurück. Bitte,
bitte, bitte! Nur fünf Minuten zurück! Bitte.
    Fünf
    Die Nacht war lau. Eine wunderbare Nacht, die einen wunderbaren
Sommer verhieß. Deshalb war sie nach draußen gegangen, die Hauptstraße entlang,
dann hinunter zum Fluss, der eigentlich ein Kanal war. Als sie über die
Bundesstraße hinweg das Wasser erblickt hatte, das ruhig und mondglitzernd
dahinfloss, hatte der Junge an ihrer Hand zu quengeln begonnen. Ich muss
aufs Klo, Mama. Pipi, sofort . Komm, geh da
rüber, geh zu dem Baum. Nein, nein! Da kann mich doch der Mann im
Mond sehen. Na gut. Guck. Da drüben ist ein
Haus. Da kannst du reingehen. Aber das ist dunkel, ganz dunkel. Und
in dem Haus ist kein Klo . Das ist schon
okay. Das Haus ist noch nicht fertig gebaut. Und da kann auch der Mann im Mond
nicht reingucken. Gut. Aber
Mama, du wartest? Natürlich.
    Und sie hatte gewartet. Hatte

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