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Klondike

Titel: Klondike
Autoren: James A. Michener
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1. Kapitel
Hoffnung
    Als am 17. Juli 1897 das Dampfschiff »Portland« in Seattle anlegte und den späten, aber unwiderlegbaren Beweis mitbrachte, daß man im Sommer zuvor am Klondike, an der äußersten Westgrenze Kanadas, auf einen schier unerschöpflichen Goldfund gestoßen war, da wurde die Welt aufgerüttelt durch die hastig hingeworfene, jedoch treffende Schlagzeile eines erregten Reporters, der dem Schiff einen Besuch abgestattet hatte. Statt einfach zu schreiben, die Goldgräber seien mit »einer großen Menge Gold« in Seattle gelandet, bediente er sich einer Redewendung, die in die Zeitungsgeschichte eingegangen ist: »Heute morgen um drei Uhr durchkreuzte der Steamer ›Portland‹, aus St. Michael kommend, den Sund von Seattle. An Bord über eine Tonne pures Gold.«
    Diese sensationelle Nachricht, »eine Tonne reines Gold«, ging wie ein Lauffeuer um die Welt und löste überall wilde Spekulationen aus. In den Vereinigten Staaten und Kanada jubelten die Menschen, die während der Wirtschaftskrise von 1893 ihr Hab und Gut verloren hatten: »Gold! Gold! Wir brauchen es nur einzusammeln. Ein Geldsegen für alle!«
    Kaum hatten sie die Kunde vernommen, fingen sie an, dem Reichtum nachzujagen, ohne jede Kenntnisse von Goldgräberei oder Hüttenwesen und kaum einer Vorstellung davon, wie man sich in so entlegenen Gebieten an der menschlichen Siedlungsgrenze vor Gefahren schützen könne. Windige Gestalten, die sehr wohl wußten, daß die Aussichten, in jedem Flußbett gleich Gold zu finden, nur sehr gering waren, begriffen schnell, daß man auch ein Vermögen machen konnte, wenn man es verstand
    - durch geschicktes Kartenspiel oder eine anziehende junge Frau -, nicht die Goldgruben, sondern die mit Nuggets prall gefüllten Taschen der Goldgräber auszunehmen. Gerissene Geschäftsleute witterten eine Gelegenheit, arbeitslose Schauspieler malten sich in ihrer Phantasie Theatersäle und die dazu passenden Tänzerinnen aus, und schließlich gab es einige wenige geborene Forschernaturen wie Lord Evelyn Luton und sein Vetter Harry Carpenter aus London, die aus reiner Abenteuerlust unverzüglich Vorbereitungen trafen, zu den Goldfeldern aufzubrechen.
    Wenn die Nachricht von dem Goldfund auf so viele eine derart elektrisierende Wirkung ausübte, warum hatte sie dann für die relativ kurze Strecke vom Klondike bis nach Seattle, nicht einmal dreizehnhundert Meilen Luftlinie, ein ganzes Jahr gebraucht? Die Beantwortung dieser Frage ist sehr wichtig, denn sie ist gleichzeitig eine Erklärung für die später folgenden tragischen Ereignisse, die für so viele Menschen den Tod bedeuteten.
    Der Klondike war ein kümmerlicher Fluß, zu schmal, um Boote größerer Breite aufzunehmen, versteckt gelegen in einer der abgeschiedensten Regionen der Welt. Er mündete in den gewaltigen Yukon, der in dem Hochgebirge an der Nordküste entsprang und sich tausendneunhundert einsame Meilen quer durch unbewohnte Landstriche Kanadas und Alaskas ergoß. Wenn der große Fluß demnach schiffbar war, warum waren dann die Goldgräber, die auf den Schatz gestoßen waren, nicht mit Booten den Yukon runtergefahren und hatten die Neuigkeit weiterverbreitet? Leider war der mächtige Strom von Anfang Oktober bis weit in den Juni hinein fest zugefroren. Die Männer, die das Gold zuerst gesichtet hatten und dann die Ader ausbeuteten, machten den Fund im Sommer 1896, so spät, daß sie erst im Sommer des darauffolgenden Jahres den Yukon wieder befahren konnten. Elf Monate fast mußten sie mit ihrem enormen Reichtum und gefährlichen Geheimnis allein leben, dann war die Katze aus dem Sack, und das Chaos konnte seinen Lauf nehmen.
    Es gab noch zwei weitere abschreckende Details im Zusammenhang mit der Entdeckung von Gold am Klondike: Obgleich die Goldfelder, unvorstellbar ergiebig und von großer Ausdehnung, alle auf kanadischem Gebiet lagen, gab es von den wichtigsten Siedlungen im Westen des Landes aus praktisch keine Möglichkeit, in diese Region zu gelangen. Die einzig geeignete Route führte durch Alaska, aber jeder, der sich an ihr versuchte, sah sich einer der körperlich anstrengendsten Herausforderungen gegenüber, die es auf der Welt gab, dem gefürchteten Chilkoot-Paß, der an manchen Stellen fast senkrecht aufragte und durch Schneefelder und mancherlei Hohlwege führte. Hatte der Wagemutige den Chilkoot oder den benachbarten und ebenso gewaltigen White-Paß gemeistert, woran die Überzahl scheiterte, so mußte er sich ein Boot aus Holz bauen,

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