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Kein Schwein bringt mich um

Kein Schwein bringt mich um

Titel: Kein Schwein bringt mich um
Autoren: Martin Michael; Springenberg Bresser
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Frühstück.
    Nach drei Schlucken Krombacher öffnete sich eine Seitentür, und heraus trat ein Mann, Mitte zwanzig, wie ich mit Anzug und Binder bekleidet. Seine hellblonden Haare hingen modisch über der Stirn, im rechten Ohr funkelte ein Brilli. Am Hals konnte ich eine Narbe ausmachen. Kurz ließ er seinen Blick über das Publikum streifen, dann drehte er sich um und winkte in die Tür hinein.
    Die Frau, die den Raum betrat, musste Luna sein, denn augenblicklich setzte frenetischer Applaus ein. Ein Mann mit rotem Vollbart erhob sich sogar und stampfte auf den Boden. Dennoch blieb die akustische Kulisse bei der geringen Zuhörerschar etwas dünn.
    Der Blonde setzte sich an ein Mischpult, während Luna die Bühne bestieg. Otto sollte dringend mal einen Termin beim Augenarzt machen, schoss mir durch den Kopf. Hatte er nicht Mancinis Äußeres in den höchsten Tönen gelobt? Für mich sah sie einfach nur verlebt aus. Das schwarze Galakleid musste sie zu Beginn ihrer Karriere erworben haben. Ihre wallende Lockenmähne wirkte ungepflegt. Dick aufgetragene Schminke und Modeschmuck zeugten von wenig Geschmack, zumindest von wenig gutem. Ihr Alter schätzte ich auf sechzig.
    Â»Hallo, Dülmen«, begrüßte sie uns mit rauchiger Stimme, »dieses Lied widme ich euch.«
    Der Blonde drückte auf irgendwelche Knöpfe, und ein Blasmusik-Playback startete: »Tief im Münsterland steht ein Bauernhaus, so hübsch und fein. Tief im Münsterland steht ein Bauernhaus, so hübsch und fein. Aus diesem Bauernhaus, da schaut ein Mädchen raus, im schönen, schönen Münsterland. Da wird die Sau geschlacht, da wird die Wurst gemacht, im schönen, schönen Münsterland.«
    Das schien ja ein toller Abend zu werden. Im Geiste verfluchte ich Freund Baumeister. Allerdings war das restliche Publikum anderer Meinung, denn es rastete förmlich aus. Vor allem der Rotbärtige konnte sich kaum halten vor Begeisterung.
    Â»Merci bien« , hauchte die Diva ins Mikro und versuchte sich an einem Augenaufschlag, der tierisch in die Hose ging. »Marc«, fuhr sie dann den Brilliträger an. »Da sind viel zu wenig Bässe auf dem Monitor. So kann ich nicht arbeiten, verdammt noch mal.«
    Hektisch bastelte der Tontechniker am Pult herum.
    Â»Wird das noch was heute?«, fauchte sie mit einer Stimme, in der etliche Gläser Wein mitschwangen. Mir wurde immer rätselhafter, was Otto Baumeister in dieser Frau sah.
    Leider wurden die Tonprobleme zügig behoben, sodass meine Ohren mit volkstümlichen Versionen von »Je ne regrette rien«, »My Way« und »Weine nicht, kleine Luna« malträtiert werden konnten. Ein wahrhaft buntes Programm, das mir zu schrill war, den anderen Zuhörern jedoch zu gefallen schien.
    Nach einer Stunde kündigte die Diva eine Pause an und verschwand im Backstage-Bereich. Der Blonde folgte, ebenso Dieter Nannen.
    Als ich die Garderobe betrat, hockte die Trällertante an einem schwarzen Klapptisch und kippte sich den Inhalt eines Plastikbechers, der wie Whiskey aussah und roch, in den Rachen.
    Â»Ich habe Pause. Zutritt nur für Personal. Marc, gib ihm eine Autogrammkarte und weg mit ihm«, keifte sie, während ich zutiefst bereute, mich in Ottos Fall eingeklinkt zu haben. Aber Versprechen musste man halten, deshalb ließ ich mich nicht abwimmeln.
    Â»Ich bin kein Fan, zumindest noch nicht. Ich heiße Dieter Nannen, bin ein Freund von Otto Baumeister und Privatdetektiv. Sie sollen ein Problem mit einem Stalker haben, und ich bin derjenige, der es lösen wird.«
    Luna leerte ihren Becher in einem Zug und fuchtelte wild in der Gegend herum: »Lass ihn rein, Marc. Sei nett zu ihm, verdammt noch mal.«
    Marc zwinkerte mir entschuldigend zu: »Verzeihen Sie, wir dachten, Sie seien ein Fan. Und Luna muss sich bei ihrem anstrengenden Programm in der Pause erholen. Da ist jede Störung pures Gift.«
    Klar, für ein entspanntes Tête-à-Tête mit Johnnie Walker.
    Ich schloss die Tür und setzte mich der Sängerin gegenüber. Der Schlagerstar sah abgewrackter aus als die Titanic zwanzig Jahre nach ihrem Untergang. Die Krähenfüße unter den Augen konnten selbst mit zentimeterdicker Schminkeschicht nicht verdeckt werden. Das blonde Haar war so verfilzt, als sei vor langer Zeit die Shampoo-Prohibition in Kraft getreten. Der Lippenstift war unregelmäßig aufgetragen.

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