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Kein Fleisch macht gluecklich

Kein Fleisch macht gluecklich

Titel: Kein Fleisch macht gluecklich
Autoren: Andreas Grabolle
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(AA). Beide kann der wunderbare menschliche Körper auch aus pflanzlichen Fetten und Ölen bilden. Allerdings ist die körpereigene Umwandlung (von Linolensäure zum Beispiel aus Leinöl) in DHA ziemlich begrenzt, weshalb der Mensch DHA üblicherweise hauptsächlich aus tierischer Nahrung aufnimmt. Da die Mitglieder der Gattung Homo gezielt Steinwerkzeuge bearbeiteten und verwendeten, konnten sie sich neue Nahrungsquellen wie das Gehirn oder das Knochenmark von Tieren erschließen, die der Raubtierkonkurrenz meist im wörtlichen Sinne »verschlossen« blieben. So verschafften sie sich Zugang zu den für das Hirnwachstum günstigen langkettigen ungesättigten Fettsäuren. Mit dem rapiden Gehirnwachstum des Menschen sieht der Anthropologe William R. Leonard ein Karussell aus positiven Rückkopplungen in Gang gesetzt. Ein verbesserter Zugang zu Fleisch habe die Vertreter der Gattung Homo besser mit Nahrungsenergie und den Gehirngewebe-Bausteinen DHA und AA versorgt. Diese hätten das Gehirnwachstum begünstigt, wodurch sich die Lernfähigkeit des Homo erweitert habe, was ein komplexeres Sozialleben, innovative Werkzeuge und erfolgreichere Jagdstrategien mit sich gebracht habe. All diese Faktoren hätten wiederum einen besseren Zugang zu Fleisch ermöglicht.
    Doch was bedeutet der Einfluss, den die Gehirnbausteine DHA und AA auf das Hirnwachstum der menschlichen Gattung hatten, für die moderne Ernährung des Menschen? Bremsen moderne Fleischverweigerer die weitere Evolution des Menschen? Nein. Das rasante Gehirnwachstum ist seit mehreren Hunderttausend Jahren abgeschlossen. Die damaligen Einwirkungen der Umwelt auf unsere genetische Ausstattung (Selektionsdrücke) gibt es so nicht mehr. Heutige Vegetarier schneiden übrigens im Schnitt bei IQ-Tests um zwei Punkte besser ab als Allesesser. Das ist allerdings wohl keine Folge ihres Fleischverzichts. Den leichten Vorsprung hatten sie, wie Langzeitstudien zeigten, bereits in der Kindheit, als die meisten von ihnen noch Fleisch gegessen haben. Wahrscheinlicher ist es, dass sich intelligentere Menschen häufiger kritisch mit ihrem Essverhalten auseinandersetzen.
    Ohnehin ist längst nicht klar, in welchem Umfang der Verzehr von Fleisch, Gehirn und Knochenmark in der Menschheitsgeschichte zur Nährstoffversorgung beitrug. Einige Forscher nehmen an, dass Pflanzen eine bedeutendere Rolle spielten. Vor allem die Nutzung des Feuers ermöglichte es dem Menschen, stärkehaltige Wurzeln und Knollen zu erhitzen und dadurch die Aufnahme von Nährstoffen aus pflanzlicher Nahrung zu verbessern. Strittig ist jedoch, ob der Mensch das Feuer tatsächlich bereits vor 1,5 Millionen Jahren kontrolliert nutzte oder ob er dies erst seit 250000 Jahren tut.
    Vom heutigen Stand der Forschung aus lässt sich jedenfalls nicht schlussfolgern, dass die Veränderungen in der Ernährung hin zu nährstoffdichterer Nahrung wie Fleisch die Ursache für das rapide Hirnwachstum in der menschlichen Evolution darstellt. Ansonsten hätten auch aus Löwen und anderen Raubtieren Intelligenzbestien werden müssen. Aber die menschliche Ernährungswende war zumindest eine notwendige Voraussetzung für die Zunahme des Gehirnvolumens. Über die tatsächliche Ursache lässt sich weiterhin nur spekulieren.
    Fundsachen
    Archäologische Funde legen nahe, dass die Frühmenschen Tierkadaver zerlegten, transportierten und die Nahrung untereinander teilten. Viele Anthropologen sehen in der Entwicklung des (in ihrer Vorstellung erfolgreich) jagenden (in ihrer Vorstellung männlichen) Menschen den Anstoß zur Menschwerdung schlechthin. Richard Leakey, einer der bekanntesten Paläoanthropologen, berichtet von teils mythischen Interpretationen seiner Kollegen über die Bedeutung der Jagd und der Verteilung des Fleisches an Sammelplätzen. Durch diese neue Ernährungsstrategie hätten sich demnach Kooperation, Tausch, Arbeitsteilung und Sprache entwickelt.
    Die Fossilfunde lassen aber auch weniger heroische Schlussfolgerungen zu. Zwar scheint es erwiesen, dass die Frühmenschen vor knapp 2 Millionen Jahren Steinabschläge nutzten, um tote Tiere zu zerlegen, doch fand man auf vielen von Menschen bearbeiteten Knochen auch Bissspuren von Raubtieren – und zwar unter den Schneidespuren der menschlichen Werkzeuge. Die Raubtiere waren offenbar zuerst am Werk gewesen und hatten die Tiere getötet. Inwieweit die Frühmenschen größere Tiere selbst erlegten oder Raubtieren (FleischesserInnen) die Beute abspenstig machten, ist demnach

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