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Kassandra Verschwörung

Titel: Kassandra Verschwörung
Autoren: I Rankin
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Ankunft

Montag, 1. Juni
    Es war ein Vergnügungsschiff.
    Als solches hätte es zumindest sein Besitzer und Kapitän George Crane bezeichnet. Er hatte es in den späten achtziger Jahren, als sein Geschäft florierte und Geld reichlich und billig vorhanden war, zu seinem privaten Vergnügen gekauft. Er hatte es gekauft, um sich etwas zu gönnen. Seine Frau hatte herumgezetert, dass es Geldverschwendung sei, aber sie litt auch an chronischer Seekrankheit und wollte sowieso keinen Fuß auf das Schiff setzen. Sie hatte keinen Fuß auf das Schiff gesetzt, dafür aber jede Menge andere Frauen. Jede Menge Frauen für George Crane und seine Freunde. Da war zum Beispiel Liza, die gern nur mit ihrem Bikinihöschen am Leib an Deck gestanden und den vorbeifahrenden Schiffen zugewinkt hatte. O Gott, Liza, die Sirene der Südküste. Wo sie jetzt wohl war? Und all die anderen: Gail, Tracy, Debbie, Francesca... Er lächelte, als er sich erinnerte: an die Törns nach Frankreich, Portugal und Spanien; an die Trips um die tückischen Britischen Inseln. Trips mit Frauen an Bord oder mit Frauen, die sie unterwegs aufgegabelt hatten. Wein und gutes Essen und vielleicht ein paar Linien Koks am Ende des Abends. Gute Zeiten, gute Erinnerungen. Erinnerungen an das Vergnügungsschiff Kassandra Christa.
    Das Schiff glitt über den ruhigen Ärmelkanal, aber heute Abend war es kein Vergnügungs-, sondern ein Geschäftstrip. Die Kundin befand sich unter Deck. Crane hatte nicht mehr als einen flüchtigen Blick auf sie erhascht, als sie mit ihrem Rucksack an Bord kletterte. Brian hatte ihr helfen wollen, doch sie wollte keine Hilfe. Sie war groß, so viel hatte er gesehen. Dunkel vielleicht, das hieß dunkelhaarig, nicht dunkelhäutig. Vom europäischen Festland? Er konnte es nicht sagen. Brian wusste auch nicht viel mehr über sie.
    »Sie hat nur gefragt, ob sie nach unten gehen darf. Da unten ist sie besser aufgehoben, als hier oben im Weg rumzustehen.«
    »Das hat sie gesagt?«
    Brian schüttelte den Kopf. »Alles, was sie gesagt hat, war ›Ich gehe nach unten‹. Es war mehr eine Klarstellung als eine Frage.«
    »Klang sie wie eine Engländerin?«
    Brian zuckte mit den Achseln. Er war eine gute und ehrliche Seele und nicht mit allzu viel Verstand ausgestattet. Trotzdem würde er über ihren heutigen nächtlichen Auftrag Stillschweigen bewahren. Und er kostete nicht viel, da er einer von George Cranes Angestellten in seiner schrumpfenden Mannschaft war. Crane hatte sich geschäftlich übernommen, das war das Problem. Er hatte zu viele Schulden, um das Geschäft neu ausrichten zu können, und Geschäfte stagnierten in dem Moment, in dem George Crane auf den Plan trat. Er brauchte neue Kredite, um die alten abbezahlen zu können... Er hatte Pech gehabt. Aber das Geschäft würde schon überleben.
    Die Kassandra Christa hingegen vielleicht nicht. Er hatte in Umlauf gebracht, dass er das Schiff verkaufen wolle, und zwei Annoncen aufgegeben: eine in einer angesehenen Sonntagszeitung, die andere in einer Tageszeitung. Bisher hatte er auf die Anzeigen hin nur diesen einen Anruf erhalten, aber sie waren auch erst vor einigen Tagen erschienen, und vielleicht konnte er sein Schiff am Ende ja doch behalten. Er warf einen Blick auf seine Uhr. Fünf vor drei Uhr nachts. Crane unterdrückte ein Gähnen.
    »Soll ich mal nach unserer Fracht sehen?«, fragte Brian. Crane grinste.
    »Du bleibst, wo du bist, du geiler Bock. Die Fracht kann nach sich selber sehen.«
    Man hatte Crane gesagt – befohlen -, kein Interesse zu zeigen, nicht neugierig zu sein. Keine Plauderei, keine Fragen. Es war nur eine Lieferung, sonst nichts. Er wusste selbst nicht genau, was er erwartet hatte. Vielleicht einen spitzkinnigen IRA-Dreckskerl oder einen kriminellen Landsmann, den es ins Ausland verschlagen hatte, auf keinen Fall jedoch eine junge Frau. Jung? Na ja, sie bewegte sich jedenfalls wie eine junge Frau. Er musste zugeben, dass er trotz der Warnung neugierig war. Das Schlimmste kam gleich: das Absetzen an der Küste. Aber sie sprach Englisch, es dürfte also keine Probleme geben, selbst wenn sie angehalten würden. Ein mitternächtlicher Vergnügungstörn, nur ein wenig mit dem Boot rausgefahren, um ein bisschen frische Luft zu schnappen, etwas in der Art. Er würde den Zollbeamten oder wem auch immer vielsagend zunicken und zuzwinkern. Sie hatten Verständnis für solche Dinge. Dafür, was für ein Genuss es war, sich an Deck eines Schiffs, unter freiem Himmel, umgeben von

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