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Kaltes Fleisch. Ein Mira-Valensky-Krimi

Kaltes Fleisch. Ein Mira-Valensky-Krimi

Titel: Kaltes Fleisch. Ein Mira-Valensky-Krimi
Autoren: Eva Rossmann
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Gebäude aus der Gründerzeit. Angegrautes Weiß, aber sichtlich renoviert und nun den technischen Erfordernissen des einundzwanzigsten Jahrhunderts entsprechend ausgestattet. Die breite Glastür glitt von selbst zur Seite, ich trat in die hohe Eingangshalle, fand eine Wegweistafel, atmete vorsichtig, vorbereitet auf den unvermeidlichen Geruch von Desinfektionsmitteln und Angst. Erster Stock. Zimmer 17. Ich wickelte die Blumen aus dem Papier, klopfte und trat ein. Seltsam, die Supermarktfleischerin zu besuchen, bei der ich sonst nach besonders abgehangenem Roastbeef gefragt hatte.
    Vier Betten standen im Zimmer, zwei davon waren leer. Viel Weiß, es wirkte nicht sauber, auch nicht hell, sondern bloß unpersönlich steril. Im Bett näher zu mir las eine junge Frau in einer Modezeitschrift. Ihr Bein war eingegipst und hing an einem Seilzug. Ich hätte mich anmelden sollen. Aber Grete Berger hatte gemeint, ihre Kollegin werde sich jedenfalls freuen.
    »Ich pack’s nicht«, hallte es aus dem Bett am Fenster, als ich noch unschlüssig in der Tür stand. »Wen suchen Sie denn? Die Hornweger ist gestern entlassen worden. Oder haben Sie sich im Zimmer geirrt?«
    Ich ging auf die rote Karin zu. Rot war an ihr momentan allerdings gar nichts, sie trug einen voluminösen Kopfverband. Beide Beine waren geschient, der linke Arm war mit einer Infusionsflasche verbunden.
    »Ich wollte Sie besuchen«, sagte ich. »Wohin kann ich die Blumen tun?« Auf ihrem Nachtkästchen standen schon ein großer Strauß bunter Rosen und eine Vase mit Tulpen. Neben ihrer Farbenpracht wirkte mein gemischter Strauß zwar groß, aber gleichzeitig einfallslos und mickrig.
    »Schon wieder Blumen«, sagte sie mit einem Seufzer. »Ich läute einer Schwester wegen einer Vase.« Sie drückte den Klingelknopf und fragte dann: »Warum?«
    »Warum? Na ja, ich habe auch Pralinen mitgebracht.«
    »Pralinen? Wunderbar, das ist eine wirkliche Freude. Aber ich habe gemeint, warum Sie mich besuchen kommen. Wenn mich auch nur ein Bruchteil meiner Kundinnen besuchen käme, wäre es hier ziemlich überfüllt. Ich meine, ich freue mich, aber: warum?«
    Ich zog umständlich die Bonboniere aus meiner übergroßen Handtasche.
    »Legen Sie sie einfach auf das Bett. Das ist schon in Ordnung. Meine rechte Hand ist zum Glück unverletzt.«
    »Soll ich das Zellophan wegtun?«
    »Ja, das wäre fein. Ich hab ohnehin noch den faden Geschmack des Mittagessens im Mund, und meine Schokoladevorräte sind aufgebraucht.«
    Sie nahm nach einem zufriedenen Kennerinnenblick ein Stück und schob es in den Mund. Noch lutschend wiederholte sie: »Warum?«
    Ich nahm mir einen Sessel, zog ihn näher zum Bett, warf einen Blick auf ihre Zimmernachbarin.
    »Vergessen Sie sie«, wisperte die rote Karin, »die interessiert sich für gar nichts außer für ihre dämlichen Modehefte.«
    Ich räusperte mich. »Eigentlich hat mich eine Kollegin von Ihnen geschickt«, begann ich dann leise. »Grete Berger.«
    »Das ist eine Liebe und Gute, viel zu gut ist sie und viel zu brav. Der haben sie bei dem Überfall schlimm mitgespielt. Wissen Sie davon?«
    Ich nickte. »Und Sie sind nur ein paar Wochen später beinahe von einem Stapel mit Getränkekartons erschlagen worden.«
    »Da besteht kein Zusammenhang. Grete ist wegen dem Überfall noch etwas durcheinander.«
    »Sie hat auch nicht gesagt, dass sie einen direkten Zusammenhang vermutet. Aber sie hat immer wieder gesagt, dass in der Filiale etwas faul ist.«
    Die rote Karin lachte und verzog dann schmerzhaft den Mund. »Rippenbrüche. Mit so was sollte man nicht lachen. Aber zum Lachen ist es schon. Etwas faul bei Ultrakauf? Kommt darauf an, was sie meint. Wenn sie meint, dass immer wieder Arbeitsstunden einfach vergessen und nicht bezahlt werden oder dass Leute eine mündliche Zusage haben, nur am Vormittag arbeiten zu müssen, und dann trotzdem für den Nachmittag und Abend eingeteilt werden, dann ist da eine Menge faul. Von unseren Gehältern gar nicht zu reden.«
    »Sie sind bei der Gewerkschaft, hat Ihre Kollegin mir erzählt.«
    »Ich bin sogar Betriebsrätin, aber darum geht es nicht. Die wenigsten bei uns haben den Mumm, sich zu organisieren, sie nehmen lieber alles hin.«
    »Könnte es da einen Zusammenhang mit Ihrem Unfall geben?«
    »Was weiß man? Aber wahrscheinlich hab ich einfach Pech gehabt. Stehe nichts ahnend in meiner Ecke, rauche eine – auch so etwas, das sie uns verboten haben – und: bumm. Na ja, wie es aussieht, werde ich es

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