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Käpt'n Ebbs Seebär und Salonlöwe

Käpt'n Ebbs Seebär und Salonlöwe

Titel: Käpt'n Ebbs Seebär und Salonlöwe
Autoren: Richard Gordon
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los?»
    Prittlewell sah nachdenklich drein. «Er wird wohl zurückgehalten worden sein, Sir», deutete er an.
    «Zurückgehalten? Wieso? Wo?»
    «Der Erste Offizier hat viele Bekanntschaften, die ihm in London ihre Gastfreundschaft aufdrängen», erklärte ihm Prittlewell. Diese Antwort schien ihm halbwegs ehrlich zu sein.

3

    John Reginald Ernest Maitland Wilson Shawe-Wilson, Erster Offizier der Charlemagne, erklomm zeitig am nächsten Morgen den Laufsteg; er litt unter einem starken Kater, Schlafmangel und Liebesüberdruß, seinem Normalzustand, wenn er von einem Landurlaub zurückkehrte. Außerdem aber war er in übelster Laune. Ebbs' Ernennung hatte er als persönliche Beleidigung aufgefaßt. Er machte zwar das Zugeständnis, daß seine Jugend die Pole Star Line davon abhielt, ihm das Kommando der Charlemagne anzubieten, aber das ging doch über die Hutschnur, ihm den Käpt'n eines schäbigen Frachters, einen rauhborstigen und ungebildeten Seebären, zum Vorgesetzten zu geben. Und nun jagte ihm dieser Mensch auch noch Telegramme an den Hals, stahl ihm seinen wohlverdienten Urlaub und kürzte die kosige Ausbeutung seiner letzten Reiseromanze mit einem temperamentvollen Mädchen, das er vor einer knappen Stunde bedauernd im Bett zurückgelassen hatte.
    «Der Kapitän wünscht, Sie sofort zu sprechen, Sir», sagte der Quartermeister salutierend.
    «Er soll warten, bis ich mich umgezogen habe. Lassen Sie diesen Koffer in meine Kabine schaffen.» Er ließ seine Reisetasche aufs Deck fallen.
    Shawe-Wilsons Kabine, die infolge seiner Abwesenheit ungewöhnlich ordentlich aussah, war ein kleineres und schiffsmäßiger ausgestattetes Appartement als das Ebbs', denn die einzige Unterhaltung von Fahrgästen, die darin stattfand, wurde heimlich und meist bei abgeknipstem Licht vorgenommen. Anstrich, Messingbeschläge und Holztäfelung hätten einen strengen Eindruck hervorgerufen, hätten nicht überall Decken, Tücher und Kissen herumgelegen, die ihm am Ende jeder Fahrt, noch feucht von den Tränen der Spenderinnen, dargeboten wurden; ihrer ein halbes Dutzend blickten ihm sehnsuchtsvoll aus dem Kästchen entgegen, in dem er jetzt nach Aspirin stöberte. Er warf einen forschenden Blick in den Spiegel am Schott und stellte fest, daß sein Gesicht, das Tausende von Herzen auf dem Bootsdeck hatte erbeben lassen, blaß und eingefallen war. Er läutete um Tee und begann Toilette zu machen. Er nahm eine Dusche, putzte sich die Zähne mit einer Chlorophyll-Paste, spülte seinen Mund mit Listerin, rasierte sich, massierte seine Wangen mit Kölnischwasser, betupfte seine Achselhöhlen mit einem desodorierenden Mittel, streute Talkpuder zwischen seine Zehen und besprengte sein Haar mit Brillantine: er behandelte sich allmorgendlich, wie ein französischer Koch einen rohen Salatkopf mit Öl und Essenzen zurichtet, bevor er ihn dem Publikum präsentiert. Sein Landurlaub-Anzug lag auf den Boden hingestreut; er wählte seine beste, frisch von Gieves gelieferte Doeskin-Uniform, zog Hemd, Kragen, Krawatte, Socken und Taschentücher aus monogrammgeschmückten Lederkassetten, kleidete sich bedachtsam an und verließ dann die Kabine, um wieder den Kampf mit seinen Pflichten aufzunehmen.
    Es war noch nicht acht Uhr, und Schinken mit Ei stand für die Offiziere der Charlemagne inmitten der aufeinandergestapelten Sessel und zusammengerollten Teppiche im Speisesalon der ersten Klasse bereit. Hier traf er auf Ebbs, der, wie alle Menschen mit geordnetem Lebenswandel, Geschmack am Frühstücken fand und schon allein am oberen Ende des Tisches saß.
    «Mr. Wilson, nicht wahr?» fragte Ebbs, indem er ihm herzlich die Hand über das Tischtuch hinweg entgegenstreckte.
    «Shawe-Wilson. Guten Tag, Sir.»
    «Ich hätte Ihre Bekanntschaft gerne früher gemacht», sagte Ebbs aus dem Gefühl heraus, den tadelnden Kapitän hervorkehren zu müssen, und dabei erpicht, dies schnell hinter sich zu bringen. «Ich habe Ihnen zwei Telegramme geschickt, die beide dringend Ihre Rückkehr vom Urlaub forderten.»
    Shawe-Wilson setzte sich nieder und griff nach der Kaffeekanne.
    «Ich habe beide erst heute morgen erhalten», erklärte er leichthin. «Ich war mit den Purcells draußen auf dem Lande. Kennen Sie die Purcells, Sir?»
    «Nein, Mr. Shawe-Wilson. Ich kenne die Purcells nicht.»
    «Nette Leute. Fuhren beim letzten Trip mit uns zurück. Für gewöhnlich verkehre ich ja nicht mit Passagieren, die klingende Titel haben, aber sie luden mich ein, eine Woche mit ihnen

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