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Jones, Susanna

Jones, Susanna

Titel: Jones, Susanna
Autoren: Wo die Erde bebt
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Susanna Jones
    Wo die Erde bebt
    Roman
    Deutsch von
    Giovanni und Ditte Bandini
    Rowohlt
    Die Originalausgabe erschien 2001 unter dem Titel «The Earthquake Bird» bei Macmillan, London Umschlaggestaltung Cordula Schmidt Fbto:XiUCE
    Redaktion Nikolaus Stingl
    I.Auflage Mira 2001
    Copyright 0 2000 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
    «The Earthquake Bird» Copyright O 2000 by Susanna Jones
    Alle deutschen Rechte vorbehalten
    Satz aus der Minion PostScript PageMaker bei
    Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin
    Druck und Bindung Clausen & Bosse, Leck
    Printed in Germany
    ISBN 3 498 03335 2
    Die Schreibweise entspricht den Regeln der neuen Rechtschreibung.
    scanned by cully
     
     
     
     
    1
     
    Heute früh, mehrere Stunden vor meiner Festnahme, bin ich durch einen Erdstoß aufgewacht . Ich erwähne diesen Vorfall nicht, um einen Zusammenhang zu unterstellen - als hätten sich die Verwerfungslinien meines Lebens irgendwie zur Gestalt zweier Polizisten zusammengeschoben -, denn in Tokio haben wir praktisch jeden Monat ein solches Beben, manchmal sogar häufiger, und das von heute Morgen war nichts Besonderes. Ich schildere lediglich die Abfolge der Ereignisse so, wie sie sich zugetragen haben. Es ist ein ungewöhnlicher Tag gewesen, und ich möchte unter keinen Umständen etwas vergessen.
    Ich lag unter der Decke meines Futons und schlief tief und fest. Ich wachte vom Geräusch der Bügel auf, die gegen die Seitenwände des Kleiderschranks schlugen. In der Küche klirrte Geschirr, und der Fußboden knarrte. Von dem Geschaukel wurde mir übel, aber trotzdem hatte ich noch nicht begriffen, warum ich mich bewegte. Erst als mir von draußen das vertraute Geräusch an die Ohren drang, verstand ich. Eine blecherne Stimme krächzte aus der Ferne im Wind. Fröstelnd setzte ich mich im Dunkeln auf.
    Seit Lilys Tod und Teijis Verschwinden liegen meine Nerven ziemlich blank. Ich zog die Schranktür auf und kroch unter die klappernden Kleiderbügel. Ich setzte mir den Fahrradhelm auf, tastete nach der Taschenlampe, die immer, mit Klebeband befestigt, griffbereit an der Wand hängt, und kauerte mich in die
    Ecke. Ich schwenkte den Strahl herum, um mich zu vergewissern, dass meine Trillerpfeife und die Flasche Erdbebenwasser auch da waren. Waren sie. Eine Kakerlake krabbelte mir über das nackte Bein und setzte sich neben mir auf den Boden.
    «Geh weg», flüsterte ich. «Raus. Hörst du? Ich will dich hier nicht haben.»
    Die Kakerlake bewegte die schwarzen Fühler ein wenig in meine Richtung. Dann entfernte sie sich schimmernd und verschwand in einer unsichtbaren Ritze in der Wand.
    Es dauerte ein paar Augenblicke, ehe ich begriff, dass der Schrank sich nicht mehr rührte. Das Beben hatte aufgehört. Die Nacht war ruhig.
    Ich kroch zurück in die Wärme meines Futons, konnte aber nicht wieder einschlafen. Jetzt wusste ich, dass ich in meiner Wohnung nicht allein war. Ich zog mir das Kissen unter die Wange und rollte mich auf der Seite zusammen. Ich habe viele Tricks, um mit Problemen wie Gespenstern und Schlaflosigkeit fertig zu werden. Einer davon besteht darin, meine Japanischkenntnisse zu überprüfen. Ich nahm mir das Wort für «Erdbeben» vor, jishin, und versuchte, auf andere Wörter zu kommen, die gleich ausgesprochen, aber anders geschrieben werden. Verbindet man das Schriftzeichen ji, «Selbst», mit shin, was «Vertrauen» bedeutet, dann ergibt das Zuversicht. Mit anderen Schriftzeichen kann aus einem Erdbeben ein Uhrzeiger werden, eine Magnetnadel oder einfach man selbst, ich selbst. Hier gingen mir die Ideen aus. Es musste noch weitere Wörter geben, aber mir fielen keine mehr ein. Normalerweise brachte ich sieben, acht Wörter zusammen, bevor ich einschlief, aber heute Morgen funktionierte mein Spiel nicht.
    Ich probierte eine andere Strategie aus. Ich stellte mir vor, Teiji läge hinter mir, hielte mich mit seinen ästchendünnen Armen umfasst und wiegte mich in den Schlaf, so, wie er das früher immer getan hatte, in den glücklichen Zeiten, als wir wie
    Löffel ineinander geschmiegt schliefen. Damals liebten wir Erdbeben, ebenso sehr, wie wir Gewitter und Taifune liebten. Die Erinnerung tröstete mich etwas, und ich könnte für eine knappe halbe Stunde eingenickt sein. Als ich wieder aufwachte, war es hell im Zimmer. Ich faltete meinen Futon zusammen und schob ihn in den Schrank. Ich griff mir ein Päckchen Instant-Nudeln für den Lunch und trank rasch eine Tasse Tee. Als ich mich um sieben auf den Weg zur

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