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Jerusalem: Die Biographie (German Edition)

Jerusalem: Die Biographie (German Edition)

Titel: Jerusalem: Die Biographie (German Edition)
Autoren: Simon Sebag Montefiore
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Vorwort
    Die Geschichte Jerusalems ist die Geschichte der Welt, zugleich aber auch die Chronik einer meist verarmten Provinzstadt im Bergland Judäas. Einst galt Jerusalem als Mittelpunkt der Welt – eine Einschätzung, die heute mehr denn je den Tatsachen entspricht: Die Stadt ist Brennpunkt der Auseinandersetzungen zwischen den Abrahamitischen Religionen, das Heiligtum eines zunehmend populären christlichen, jüdischen und islamischen Fundamentalismus, strategisches Schlachtfeld eines Kampfes der Kulturen, Frontlinie zwischen Atheismus und religiösem Glauben, Anziehungspunkt säkularer Faszination, Gegenstand schwindelerregender Verschwörungstheorien und Internetmythen und grell beleuchtete Bühne für die Kameras der Welt in einem Zeitalter der Rund-um-die-Uhr-Nachrichtensendungen. Religiöses, politisches und mediales Interesse schüren sich gegenseitig und sorgen dafür, dass Jerusalem stärker denn je im Zentrum der Aufmerksamkeit steht.
    Jerusalem ist die Heilige Stadt, war zugleich aber schon immer ein Hort des Aberglaubens, der Scharlatanerie und Bigotterie; sie war begehrtes Eroberungsziel von Weltreichen, aber ohne strategischen Wert; kosmopolitische Heimat vieler Sekten, die jeweils glauben, Jerusalem gehöre ihnen allein; eine Stadt mit vielen Namen – aber jede Tradition ist so sektiererisch, dass sie jede andere ausschließt. Dieser Ort ist von solcher Besonderheit, dass die jüdischen religiösen Schriften ihn durchgängig als weiblich beschreiben – immer als sinnliche, lebendige Frau, immer als Schönheit, zuweilen aber auch als schamlose Hure oder als verletzte Prinzessin, die von ihren Verehrern im Stich gelassen wurde. Jerusalem ist die Heimat des alleinigen Gottes, die Hauptstadt zweier Völker, das Heiligtum dreier Religionen und die einzige Stadt, die sowohl im Himmel als auch auf der Erde existiert: Die beispiellose Schönheit der irdischen Stadt ist nichts gegen die Herrlichkeit der himmlischen. Allein schon die Tatsache, dass Jerusalem zugleich irdisch und himmlisch ist, bedeutet, dass die Stadt überall sein kann: Auf der ganzen Welt wurden neue Jerusalems gegründet, und jeder hatte seine eigene Vision dieser Stadt. Propheten und Patriarchen, Abraham, David, Jesus und Mohammed sollen an diesem Ort gewandelt sein. Hier wurden die Abrahamitischen Religionen geboren, und hier wird die Welt am Tag des Jüngsten Gerichts enden. Jerusalem, das den Völkern der Bibel heilig war, ist die Stadt der Bibel: In mancherlei Hinsicht ist die Bibel Jerusalems ureigene Chronik, und von den Juden und Frühchristen über die muslimischen Eroberer und die Kreuzritter bis hin zu den heutigen amerikanischen Evangelisten haben ihre Leser wiederholt in die Geschichte der Stadt eingegriffen, um biblische Prophezeiungen in Erfüllung gehen zu lassen.
    Als die Bibel ins Griechische und später ins Lateinische und in andere Sprachen übersetzt wurde, entwickelte sie sich zum Universalbuch und machte Jerusalem zur Universalstadt. Jeder große König wurde zu einem David, jedes besondere Volk sah sich als die neuen Israeliten, und jede Hochkultur galt als neues Jerusalem, jene Stadt, die niemandem gehört, aber in der Phantasie eines jeden ihre eigene Existenz führt. Eben das macht sowohl die Tragödie als auch die Magie Jerusalems aus: Jeder, der von Jerusalem träumt, jeder, der im Laufe der Zeiten hierher gekommen ist – von den Aposteln Jesu über die Soldaten Saladins und die viktorianischen Pilger bis hin zu den heutigen Touristen und Journalisten –, bringt seine Vision des authentischen Jerusalem mit und ist bitter enttäuscht über das, was er vorfindet: eine sich ständig wandelnde Stadt, die viele Male erblüht und wieder verwelkt ist, wieder aufgebaut und erneut zerstört wurde. Aber da es Jerusalem ist, das allen gehört, ist nur das Bild richtig, das sie alle sich gemacht haben; die mangelhafte, synthetische Wirklichkeit muss verändert werden; alle haben das Recht, dieser Stadt ihr eigenes »Jerusalem« aufzuzwingen – und oft haben sie es mit Schwert und Feuer getan.
    Der Historiker Ibn Khaldun, der im 14. Jahrhundert manche der in diesem Buch geschilderten Ereignisse selbst erlebte und uns als Quelle dient, stellte fest, dass Geschichte eifrig gefragt ist: »Die Menschen auf der Straße wollen sie kennen, Könige und Führer wetteifern um sie«. Das gilt besonders für Jerusalem. Es ist unmöglich, eine Geschichte dieser Stadt zu schreiben, ohne anzuerkennen, dass Jerusalem ein Thema, ein

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