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Jenseits des Karussells: origin - Preisgekrönt und aufregend anders (German Edition)

Jenseits des Karussells: origin - Preisgekrönt und aufregend anders (German Edition)

Titel: Jenseits des Karussells: origin - Preisgekrönt und aufregend anders (German Edition)
Autoren: Ju Honisch
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geschehen?“
    Die jungen Männer sahen einander an.
    „Er fiel einfach um“, sagte Hendrik Deiss. „Er war mitten in einem Satz, sagte gerade etwas über Energielinien, dann verrollte er die Augen und kippte um.“ Er sah besorgt aus, als erwartete er, dass man ihn dafür zur Verantwortung ziehen würde. „Es tut mir leid“, fügte er etwas linkisch hinzu.
    „Was tut Ihnen leid? Ihr Meister? Oder etwas, das Sie nicht hätten tun dürfen?“, fragte ein hagerer, mausiger Mann um die Sechzig. Seine Augen hatten eine nagetierhafte, knopfäugige Intensität. Alle fünf Studenten wichen seinem Blick aus, obgleich sie sich tatsächlich ganz unschuldig fühlten.
    „Es tut mir leid, dass das passiert ist“, beeilte sich der junge Mann zu versichern. „Aber wir haben nichts gemacht. Es ist einfach so geschehen.“
    Ian seufzte und wusste, dass im nächsten Moment alle Blicke zu ihm wandern würden. So war es dann auch.
    „Was ist mit Ihnen, McMullen? Haben Sie irgendeinen Trick probiert?“
    „Natürlich nicht, Meister Valerios. Ich lauschte Meister Schrebels Ausführungen zu den Energielinien. Er fragte mich, ob ich sie sehen könne …“
    „Konnten Sie?“, unterbrach der Mann mit dem graubraunen Haar.
    Ian nickte. Jeder wusste, dass er das konnte. Man sollte meinen, sie würden irgendwann aufhören, danach zu fragen. Doch sie konnten sich nicht daran gewöhnen. Energielinien zu sehen bedeutete, einen hohen Grad an Wahrnehmung zu besitzen, wie man ihn erst von einem Tertianer oder Quartaner erwarten konnte. Die ersten beiden Studienjahre waren dazu gedacht, diese Wahrnehmung zu schulen und außerdem möglichst viel Theorie in die Köpfe der Schüler zu stopfen, um sie auf die eigentliche Kunst vorzubereiten. Sprachen, Mythologie, alte Schriften, vergleichende Religionswissenschaften, Politik und Philosophie waren die Hauptfächer.
    „Ja. Er kommentierte ihre Beschaffenheit. Sie waren dick, wie Kabel. Nur einen Augenblick lang. Sie schlugen durch ihn hindurch – fast wie ein Blitz, der sich sein Ziel sucht.“
    Einen Atemzug lang war es still.
    „Wie ein Blitz? Das habe ich aber anders gespürt“, sagte ein liebenswürdiger, rundgesichtiger Herr Mitte Fünfzig. „Sie meinen, es war nur eine gezackte Linie?“
    „Nein. Es war mehr als eine. Wie viele weiß ich nicht. Es ging ungeheuerlich schnell. Ich glaube, er stand wohl genau da, wo zwei dieser Linien sich kreuzten.“
    „Sie müssen lernen, präziser zu beobachten, Mr. McMullen.“
    „Ja, Großmeister. Es tut mir leid. Es passierte so schnell, und ich hatte so etwas auch noch nicht gesehen.“
    Die Tür öffnete sich noch einmal, und zwei jüngere Adepten betraten den Raum. Großmeister Urqhart gab ihnen ein Zeichen, und sie hoben den Ohnmächtigen hoch.
    „Bringen Sie ihn auf sein Zimmer und ins Bett. Wir müssen sehen, dass wir es ihm später bequem machen.“
    „Später?“, fragte Meister Bartel. „Warum nicht jetzt?“
    „Weil ich jetzt eine Großversammlung einberufe. Die Loge muss zusammenkommen.“
    „Die Akolythen auch?“
    „Ganz besonders die. Wenn dieses Phänomen weiter zuschlägt und unsere altgedienten Brüder ausschaltet, werden sie sich vielleicht über kurz oder lang in der Position befinden, sich selbst darum kümmern zu müssen.“
    Sie starrten den Großmeister an. Keiner sagte etwas.
    „Meine Herren“, fuhr er fort, „eine arkane Bewusstlosigkeit mag Zufall sein. Zwei sind verdächtig. Drei sehen mir nach einer formidablen Attacke aus. Wir werden uns in zwanzig Minuten im Refektorium treffen, um die Dinge zu diskutierten. Das sieht alles nicht gut aus.“
    „Es sieht ausgesprochen böse aus“, pflichtete Meister Valerios bei und warf Ian einen sprechenden Blick zu. Bruder in einer Magierloge zu sein war eine Ehre, wenngleich auch eine geheime Ehre. Eine Magierloge zu verraten würde von der Loge selbst geahndet werden.
    Die Bestrafung durch eine Gruppe mächtiger Meister und Adepten des Arkanen würde nicht nur unangenehm sein, sondern über alle Maßen tödlich verlaufen.
    „Gehen Sie jetzt. Wir werden unsere Diskussion bald weiterführen. Bis dahin möchte ich ein paar private Worte mit Mr. McMullen wechseln. Meister Valerios, seien Sie so nett, mir zu assistieren. Sie anderen bitte ich, den Raum zu verlassen.“
    Wieder waren alle Augen auf Ian gerichtet, und er merkte, wie er zu schwitzen begann. Er stand wieder im Mittelpunkt. Er war sicher, dass die Akolythen und Meister hofften, er sei der Schuldige. Wenn er

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