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Jan Fabel 04 - Carneval

Titel: Jan Fabel 04 - Carneval
Autoren: Craig Russell
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PROLOG

    Köln, Weiberfastnacht,
Januar 1999

    Wahnsinn. Wohin sie auch blickte, herrschte Verrücktheit. Sie lief durch Scharen von Geistesgestörten und hielt verzweifelt nach einer Zuflucht unter geistig Normalen Ausschau, wo sie Rettung finden konnte. Die Musik hämmerte schrill und gnadenlos und erfüllte die Nacht mit erschreckender Fröhlichkeit. Die Menge war nun dichter geworden. Mehr Menschen, mehr Wahnsinn. Sie drängte sich durch die Feiernden hindurch. Fort von den beiden massiven Türmen, die sich aus dem Tohuwabohu der Straßen schwarz und bedrohlich in die Nacht erhoben. Fort von dem Clown.
    Sie stolperte die Stufen hinunter. Vorbei am Hauptbahnhof. Über einen Platz. Weiter und weiter. Immer noch umgeben von den brüllenden, grinsenden, lachenden Gesichtern der Irren.
    Vor einer Bude, an der Currywurst und Bier verkauft wurden, stieß sie mit einer Gruppe von Gestalten zusammen. Der frühere deutsche Kanzler Helmut Kohl stand in einer mit Geldscheinen vollgestopften Windel da und scherzte lachend mit drei Elvis Presleys. Ein mittelalterlicher Ritter mühte sich, sein Würstchen durch ein immer wieder herunterklappendes Visier zu essen. Neben ihm war ein Dinosaurier. Ein Cowboy. Ludwig XIV. Aber kein Clown.
    Sie wirbelte herum und musterte die feiernde Masse, die sich hinter ihr näherte. Kein Clown. Einer der Elvisse an der Bierbude torkelte auf sie zu. Er verstellte ihr den Weg, umfasste ihre Hüfte und flüsterte ein paar lüsterne, durch Latex gedämpfte Worte. Sie stieß ihn zurück, und er prallte an den Dinosaurier.
    »Ihr seid verrückt!«, schrie sie. »Ihr seid alle verrückt!« Die Gestalten lachten. Sie rannte durch einen Teil der Stadt, den sie nicht kannte. Hier waren weniger Menschen. Die Straßen wurden schmaler und schienen sie einzwängen zu wollen. Dann war sie allein in einer kopfsteingepflasterten Gasse, dunkel und gesäumt von vierstöckigen Gebäuden mit schwarzen Fenstern. Sie flüchtete in einen Schatten und versuchte, ihre Atmung unter Kontrolle zu bekommen. Die Geräusche vom fernen Stadtzentrum waren immer noch laut: Ausgelassene Musik mischte sich mit dem Grölen und Kreischen der Narren. Sie horchte nach Schritten. Nichts. In den Schatten gepresst, spürte sie die beruhigende Festigkeit des Wohnhauses an ihrem Rücken.
    Immer noch kein Clown. Kein Albtraum-Clown aus ihren Kindheitsträumen. Sie hatte ihn abgehängt.
    Allerdings hatte sie keine Ahnung, wo sie war. Alle Straßen glichen einander. Aber sie würde sich noch weiter von dem besessenen Lärm der Stadt und von den hochragenden schwarzen Türmen entfernen. Ihr Herz hämmerte noch, doch sie atmete nun ruhiger. Dicht an die Wand gedrückt, schob sie sich voran. Die wüste Musik und das Gelächter verebbten, aber plötzlich erscholl ein neuer Lärm, als sich eine Tür öffnete und gelbes Licht über die Straße züngelte. Sie wich wieder zurück in den Schatten. Drei Höhlenmenschen und eine Flamencotänzerin rannten aus dem Wohnhaus. Zwei der Neandertaler trugen einen Kasten Bier und taumelten in Richtung der anderen Irren.
    Sie begann zu weinen, zu schluchzen. Es gab kein Entkommen.
    Am Ende der Straße sah sie eine Kirche. Eine riesige Kirche, die einen mit Kopfsteinpflaster belegten Platz fast ganz ausfüllte. Das romanische Gebäude musste einst majestätisch inmitten von Feldern und Gärten gestanden haben, doch die Stadt hatte sich ihr im Lauf der Jahrhunderte genähert, und nun wurde die Kirche an allen Seiten von Wohnhäusern bedrängt wie ein von Bettlern umringter Bischof. Ein Pfarrhaus schmiegte sich an ihre Flanke.
    Am anderen Ende des Platzes leuchtete das Schild eines Restaurants mit Bar. Sie würde das Restaurant meiden und Zuflucht in dem Pfarrhaus suchen. Während sie darauf zuging, wurde sie von dem Anblick einer kleinen, zierlichen, verängstigten Fee mit gebrochenen Schwingen in einem schwarzen Schlachtereischaufenster erschreckt. Es war ihr Spiegelbild, das ihr zwischen aufgeklebten Pappsternen mit Sonderangeboten für Rind- und Schweinefleisch entgegensah.
    Die Frau erreichte die Ecke der dunkel und streng in den kalten Nachthimmel ragenden Kirche. Sie drehte den schweren Eisengriff und lehnte sich gegen die Tür, doch die gab nicht nach. Sie lief weiter zum Pfarrhaus.
    Er hatte hinter der Kirche auf sie gewartet und trat nun aus seinem Versteck hervor. Zwei grüne Haarknäuel standen in einem albernen Winkel von seinem sonst kahlen Kopf ab. Seine Augen waren kalt und tot unter den Bögen

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