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Ivy - Steinerne Wächter (German Edition)

Ivy - Steinerne Wächter (German Edition)

Titel: Ivy - Steinerne Wächter (German Edition)
Autoren: Sarah Beth Durst
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Kapitel eins
    W ir sind fast da«, sagte Grandpa.
    Lily drückte sich die Nase am Autofenster platt und betrachtete mit gerunzelter Stirn die Einkaufszentren, Tankstellen und Gewerbeparks, an denen sie vorbeirauschten. »Wirklich?« Sie hatte erwartet, auf dem Weg zu ihrer Traumuni etwas entschieden Hübscheres zu sehen als die riesigen Supermärkte und Einrichtungshäuser, die sich hier endlos aneinanderreihten. Mindestens einen altehrwürdigen Wald oder eine Wiese mit ein paar netten Kühen drauf. Und sie sollte den Klang von Trompeten hören, umrahmt von einem gewaltigen Chor, der in beeindruckenden Versen die Vollendung ihres Schicksals verkündete.
    Vielleicht hatte sie sich diesen Moment ein bisschen zu üppig ausgemalt.
    »Nur noch ein paar Meilen, dann werfe ich meine berühmte Clubjacke über«, bekräftigte Grandpa.
    Das orange und schwarz gestreifte Princeton University Reunions Jacket, welches alle stolzen Alumni anlässlich ihrer regelmäßigen Absolvententreffen trugen, hing über der Lehne des Fahrersitzes. Lilys Blick und der ihres Großvaters trafen sich kurz im Rückspiegel, und sie fragte sich, warum er das wohl so ausdrücklich erwähnt hatte. Dann wanderten seine Augen hinüber zu Lilys Mutter, die auf dem Beifahrersitz hockte wie ein Häufchen Elend. Oh, na klar, dachte Lily. Falls es stimmte, dass sie gleich da waren, wurde es Zeit, Mom ein bisschen aufzuheitern. »Du weißt aber schon, Grandpa«, fragte sie spöttisch, »dass die aussieht wie das Fell von einem völlig durchgeknallten Zebra?«
    »Du wirst noch Schlimmeres zu sehen bekommen«, versicherte ihr Großvater.
    »Ich weiß nicht recht, ob das nackte Zebra dir zustimmen würde«, gab Lily zurück.
    Grandpa nickte feierlich. »Die aus der Abschlussklasse von 1969 tragen eine Weste und ein Stirnband mit orange-schwarzen Yin-und-Yang-Tupfen.«
    Lily heuchelte ein Schaudern. »Oh, wie grässlich!«
    Auf dem Vordersitz begann ihre Mutter zu lachen. Ihr wildes, ungekämmtes Haar (heute zur Abwechslung mal wunderschön hellgrün getönt) schüttelte sich wie Weidenblätter, durch die ein Windstoß fährt. Zum ersten Mal seit ihrer Abfahrt von Philadelphia sah Mom nicht mehr halbverwelkt aus, sondern lächelte sogar. Sie hasste es, Auto zu fahren. Inmitten von all dem Stahl, Plastik und Glas fühle sie sich immer wie ein Vogel in einem Käfig, meinte sie. Hätte sie nicht Angst davor gehabt, welche Wirkung sich in Kombination mit ihrer üblichen Medizin einstellen könnte, hätte sie für die Fahrt bestimmt Valium genommen.
    Normalerweise vermied sie Autofahren völlig. Aber das hier war kein normales Wochenende. Es war Princeton Reunions Weekend. Reunions Weekend! Lily konnte immer noch nicht glauben, dass Großvater angeboten hatte, sie beide mitzunehmen. Er fuhr zu jedem Absolvententreffen, sogar, wenn es kein rundes war, wie im vorigen Jahr das neunundvierzigste. Es war einfach sein »Ding«, die eine Auszeit im Jahr, die er sich gönnte, denn ansonsten kümmerte er sich rund um die Uhr um Lily und ihre Mutter. Diesmal jedoch hatte er gemeint, es sei für Lily langsam an der Zeit, ihre zukünftige Alma Mater kennenzulernen.
    Dabei hatte sie sich noch nicht mal beworben. Sie besuchte noch die Highschool. In drei Wochen würde sie die elfte Klasse abschließen. Aber Grandpa hatte behauptet, es sei ihr vorherbestimmt, auf diese Uni zu gehen. Kein Zwang, natürlich. Jaja, schon klar.
    Ihr Großvater deutete auf eine große Kreuzung und sagte: »Da vorne links.«
    Lilys Herz schlug schneller. Eigentlich gab es überhaupt keinen Grund, so aufgeregt zu sein. Sie hatte ja noch nicht mal einen Termin für ein Bewerbungsgespräch. Im besten Falle würde sie sich einer Führung über den Campus anschließen und dann den Rest des Wochenendes mit einem Haufen siebzig Jahre alter Männer verbringen, die so taten, als seien sie noch immer zwanzig. Und doch verrenkte sie sich schon den Hals, um einen ersten Blick auf die Uni zu erhaschen.
    Sie bogen in die Washington Road ein und ließen die Gewerbeparks, Motels und Einkaufszentren von New Jersey hinter sich. Jetzt sah Lily nur noch Grün, Grün und noch mehr Grün. Ihr stockte der Atem. Das kam der Sache schon näher! Die Straße zur Princeton University wurde von mächtigen Ulmen gesäumt, deren Kronen mindestens eine halbe Meile weit ein mächtiges, sonnendurchflutetes Gewölbe bildeten, durch das sie fuhren wie durch einen goldgrünen Tunnel. Blätter schwangen sanft in einer leichten Brise, und Lily

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