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Inspector Jury bricht das Eis

Inspector Jury bricht das Eis

Titel: Inspector Jury bricht das Eis
Autoren: Martha Grimes
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1
    Eine Begegnung auf dem Friedhof. Das war es, was ihm rückblickend immer wieder durch den Kopf ging, wenn er sich ohne jede Ironie sagte, daß ein solcher Ort nicht gerade auf jene dauerhafte Liebe schließen ließ, nach der er sich sehnte. Schneeverwehungen auf der Sonnenuhr. Zankende Spatzen in den Hecken. Die schwarze Katze, die in dem trockenen Vogelbecken thront. Erinnerungsfetzen. Ein zerbrochener Spiegel. Pech, Jury.
    Es begann an einem windigen Dezembertag, dem fünftletzten vor Weihnachten, als Jury durch die Tore von Washington Old Hall zwei streitsüchtige Spatzen in einer nahen Hecke beobachtete. Sie flatterten unter wütendem Gezanke zwischen Hecke und Baum hin und her und pickten sich gegenseitig die Brust blutig. Jury war grausame Szenen gewohnt; dennoch schockierte ihn der Anblick. Aber passierte das gleiche nicht überall? Sie unterbrachen die wilde Jagd schließlich auf dem Boden vor seinen Füßen. Er machte eine Bewegung, um den Kampf abzubrechen, aber schon waren sie wieder auf und davon.
    Das Haus war verschlossen, und so stapfte er durch die alten Straßen Washingtons, während der Schnee allmählich in Regen überging. Es war nach drei Uhr, die Pubs hatten also zu – wieder Pech. Am Ende einer Dorfgasse fand er sich vor der katholischen Kirche wieder. Tust du dir jetzt leid, Jury? Keine Freunde, keine Verwandten, keine Frau, kein … Aber Weihnachten steht doch vor der Tür, widersprach etwas in ihm.
    Jury hatte diesen Konflikt, der seine Einstellung zum Fest der Liebe belastete, noch nicht gelöst, als er die schwere Kirchentür aufstemmte und leise die Vorhalle betrat. Zu allem Überfluß mußte er nun auch noch feststellen, daß er mitten in eine Taufe geplatzt war. Der Pfarrer unterbrach zwar die Zeremonie nicht, aber die Gesichter der Eltern fuhren zu dem Eindringling herum, und das Baby schrie.
    Jury meinte, seine innere Stimme boshaft kichern zu hören. Du Tölpel . Er fixierte das Anschlagbrett der Kirche und setzte eine Miene tiefster Versunkenheit auf, die den Leuten dort klarmachen sollte, wie dringend notwendig die Gemeindenachrichten für sein Seelenheil seien. Mit einem kurzen Nicken (als würde das jemanden kümmern, du Trottel!) drehte er sich um und ging hinaus, ungeläutert und ungetröstet.
     
    Auch auf dem Kirchhof konnte er diese zänkische Stimme nicht zum Schweigen bringen. Sie hackte gnadenlos auf ihm herum: Es hatte ihn ja keiner gezwungen anzunehmen, als ihn seine Cousine mit Wimmerstimme eingeladen hatte, sie doch an Weihnachten zu besuchen. («Wir kriegen dich doch sonst nie zu Gesicht, Richard …») Newcastle-upon-Tyne. Ein scheußlicher Ort, gerade im Winter. Ein netter Spaziergang über den Friedhof, das paßt zu dir, Jury … und dazu noch der Schnee … es schneit schon wieder … Und so fort.
     
    Und da sah er sie; über einen Grabstein gebeugt, das braune Haar, das der Wind in Strähnen unter der Kapuze ihres Capes hervorgeweht hatte, naß von Schnee und Regen. Alte Weiden senkten Vorhänge aus feuchten Blättern in seinen Weg. Moos kroch an den Grabsteinen hoch. Ansonsten lag der Ort verlassen da.
    Sie stand vollkommen reglos. Wie sie sich so in einiger Entfernung vor ihm über den Stein beugte, erinnerte sie Jury an eines jener lebensgroßen Grabmale, die man gelegentlich selbst auf den kleinsten und schlichtesten Friedhöfen sieht, erstarrte Zeugen der Trauer, die Gesichter kapuzenverhüllt und düster, die Hände gefaltet.
    Ihre Hände waren nicht gefaltet. Sie schien etwas in ein kleines Buch einzutragen. Entweder war sie so in das Studium der Inschriften vertieft, daß sie sein Herannahen nicht bemerkte, oder sie nahm einfach an, er wolle ungestört bleiben.
    Er schätzte sie auf Ende Dreißig. Sie gehörte zu der Sorte Frauen, die sich gut hielt: Wahrscheinlich sah sie jetzt sogar besser aus als mit zwanzig. Sie hatte eines jener Gesichter, die Jury schon immer als schön empfunden hatte, ein Gesicht, in das der Ausdruck von Trauer und Schmerz so fest eingemeißelt schien wie in eine Grabskulptur. Ihr Haar hatte fast die gleiche Farbe wie seines, nur lag auf ihrem ein roter Schimmer, der selbst hier, in der grauen Düsternis eines verschneiten Dezembernachmittags, noch sichtbar war. Ihre Augen lagen im Schatten der Kapuze verborgen. Sie beugte sich über einen kleinen Stein mit herausgemeißelten Engeln, deren Flügel schon völlig verwittert waren.
    Jury tat so, als betrachte er ebenfalls die Grabsteine, wobei er die gleiche Miene aufsetzte wie

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