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Insel der sieben Sirenen

Insel der sieben Sirenen

Titel: Insel der sieben Sirenen
Autoren: Carter Brown
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1
     
    »Nur
nicht nervös werden, Sir«, brummte der alte Seebär am Ruder, während ihm das Wasser
eimerweise vom schwarzen Ölzeug troff. Er stand da wie ein Hollywood-Skipper,
bereit, mit seinem geliebten Schiff in den Wellen zu versinken.
    »Ich
bin nicht nervös !« schrie ich in den Wind. »Ich bin
starr vor Angst !«
    Der
alte Bursche schüttelte den Kopf und grinste, als ich mich wieder über die
Reling beugte und mein Frühstück dem Lunch nachschickte, den ich wenige
Augenblicke vorher den Fischen geopfert hatte. »Hübsche Brise heute«, meinte
er. »Aber ’n steifen Wind kriegen wir erst später im Jahr .«
    »Welch
ein Jammer, daß ich bis dahin nicht mehr am Leben sein werde«, stöhnte ich und
krümmte mich tiefer. Wie lange konnte das noch weitergehen? Ich begann bereits,
für mein letztes Abendessen zu fürchten.
    Bisher
war ich noch nie seekrank geworden — weil ich nämlich immer erster Klasse reise
und stets auf einem recht, recht großen Schiff. Aber
bei allem gibt es ein erstes Mal, und für mich hieß das, in einer auf und
nieder tanzenden Fischerjolle dem Meeresgrund entgegenzufahren — als überzeugte
Landratte, die man zwischen der kanadischen Küste und einer unwirtlichen
Felseninsel in die Falle getrieben hatte.
    Die
Insel lugte mit ihrem spärlichen Saum zerzauster Kiefern eine halbe Seemeile
voraus verschwommen aus den Regenschleiern. Mir schien sie noch über dreihundert
Meilen entfernt. Was hatte mich nur hierher verschlagen? fragte ich mich
verzweifelt.
    Dort
draußen wartete ein alter Mann auf den Tod, aber das konnte er auch ohne mich
zu Ende bringen. Selbst daß er einer der reichsten Männer dieser Erde war, beeindruckte
mich in diesem Augenblick keineswegs. Dieser Auftrag konnte unserer
Anwaltskanzlei bei nicht zu großem Zeitaufwand ein fettes Honorar bringen — doch
wer scherte sich kurz vor dem Ertrinken um Honorare?
    Ich
hatte einen Weg von tausend Meilen hinter mir, um auf dieser abgelegenen Insel
den letzten Willen eines alten Mannes zu paraphieren, der seiner Tochter gern
siebzig Millionen Dollar hinterlassen wollte; doch plötzlich schien mir das
alles nicht mehr der Mühe wert. Auch dann nicht, wenn er die siebzig Millionen mir hinterlassen hätte.
    »Festhalten !« krähte der Skipper zwischen zwei Donnerschlägen. »Noch
hundert Yards, dann legen wir an !«
    Argwöhnisch
musterte ich das felsige Ufer und stellte zu meiner Überraschung fest, daß es
tatsächlich sehr viel schneller als gedacht näher gekommen war, obwohl es so
wild von einer Seite zur anderen schwankte, als sollte es selbst, nicht unser
Boot, von den Wellen verschlungen werden. Schicksalsergeben schloß ich die
Augen.
    »Alles
klar, Mr. Roberts .«
    Ich
sah erst wieder auf, als mir der Sturm diese Worte ins Gesicht schleuderte. Der
Alte deutete durch den Regen landeinwärts. Vorsichtig wandte ich mich um und
entdeckte, daß wir dicht vor einem altersschwachen Bootssteg schaukelten, der
mir nicht einmal stabil genug für einen Liliputaner vorkam. »Wir sind da !« berichtete die Stimme mit einigem Stolz. »Aber Sie werden
’ rüberspringen müssen. Bei dem Seegang kann ich nicht
festmachen .«
    »Und
wer sagt, daß ich bei dem Seegang springen kann ?« konterte ich verbittert, aber der Wind riß mir die Worte vom Mund. Der alte
Bursche lachte nur und kurbelte am Ruder.
    »Lange
kann ich sie hier nicht mehr halten«, rief er. »Am besten springen Sie, wenn es
uns gleich wieder hochträgt .«
    Stöhnend
stand ich auf und wurde mir plötzlich meines ganzen ansehnlichen Körperbaus
bewußt. In dem Augenblick hätte ich mir gewünscht, halb so schwer und groß zu
sein. »Schon gut«, schrie ich, »schon gut, ich springe !« Aktenkoffer und Reisetasche fest an mich drückend, kletterte ich über die
Reling und machte einen wilden Satz auf den glitschigen Bootssteg zu.
    Ausgesprochen
überrascht stellte ich fest, daß ich auf Händen und Knien und festem Boden
gelandet war. Und noch größer war meine Überraschung, als ich den Blick von den
halbverfaulten Bohlen hob und zwei schlanke Beine gewahrte, die sich in einer
hautengen, grasgrünen Hose vor mir aufgebaut hatten und in einen orangefarbenen
Pullover mündeten, dessen zwei pralle Hügel einem die Bergkrankheit einjagen
konnten; und das Gesicht, das als Krönung über dem Ganzen thronte, hätte leicht
ein paar tausend Fischerboote an diese felsigen Strände locken können.
    In
der Tat hatte ihr Gesicht etwas an sich, das in meinem Kopf ein

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