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Insel der Schatten

Insel der Schatten

Titel: Insel der Schatten
Autoren: Wendy Webb
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    Ich war die einzige Passagierin auf der Fähre nach Grand Manitou Island. Als ich an Deck stand und mich an der Reling festhielt, während wir auf den grünen Wellen dahinschwankten, begriff ich, warum die Touristensaison zum Stillstand kam, sobald die Novemberwinde einsetzen.
    Der Grund für meine Reise zu der kleinen Insel inmitten der Großen Seen war eine tote Frau. Ich fuhr zu dieser unwirtlichen Jahreszeit dorthin, um ihre Lebensgeschichte in Erfahrung zu bringen und hoffte, dabei zugleich die Wahrheit über mein eigenes Leben herauszufinden. Und ein paar weiße Schaumkronen und der hohe Seegang würden mich nicht davon abhalten.
    Der Ruf einer Toten ist wahrscheinlich ein seltsamer Anfang, um mit einer Geschichte zu beginnen, aber auch nicht seltsamer als all die anderen Begebenheiten in meiner Familie, wie ich inzwischen weiß. Wie sich herausstellte, entstammte ich einer Generation von Menschen, die sich meist hart am Rand der Realität bewegten. Meine Familiengeschichte liest sich weniger wie eine Chronik von Geburten, Todesfällen, Hochzeiten und herausragenden Leistungen – obwohl auch all diese Dinge darin vorkommen – sondern eher wie ein Märchen, in dem es von Hexen, Spukgestalten und argwilliger Bosheit, garniert mit einigen bedauerlichen und manchmal blutigen Unglücken nur so wimmelt. Aber davon wusste ich bis vor kurzem noch nichts.
    In meiner Kindheit hatte ich eine ganz andere Vorstellung davon, wer ich war und wo ich herkam. Aber dann begann die Wahrheit sich mir zu enthüllen, so wie sie es letztendlich immer tut. Sie drängt ans Tageslicht, braucht es, so wie wir die Luft zum Atmen brauchen, und findet Möglichkeiten, auch aus den versiegelten Lippen herauszudrängen, sogar von denen, die schon begraben sind.
    Meine ganz persönliche Wahrheit offenbarte sich mir erstmals an einem stillen Herbstmorgen, fast tausend Meilen von der schaukelnden Fähre entfernt, auf der ich gerade stand.
    Dieser besondere Tag begann so normal wie alle anderen auch. Ob das immer so ist? Dass im ganz alltäglichen Leben plötzlich das Chaos ausbricht, während man vollkommen gewöhnlichen Tätigkeiten nachgeht? Ein Unfall auf dem Weg zum Gemüsehändler kostet einen geliebten Menschen beispielsweise das Leben, ein Herzinfarkt verdunkelt einen friedlichen Sonntagmorgen, oder man erhält, wie in meinen Fall, auf dem Postweg eine Nachricht, die auf einmal das ganze Leben verändert.
    Ich erwachte in meinem kleinen Bungalow mit Blick über den Pudget Sund und blieb noch eine Weile im Bett liegen, um dem Gebell der Seehunde zu lauschen. Dann zog ich meinen Trainingsanzug und Turnschuhe an und brach zu meinem üblichen Morgenlauf auf. Ich hatte bereits die Straße überquert und den nahen Hügel in Angriff genommen, als ich bemerkte, dass Nebel aufzog und die Konturen meiner Umgebung verwischte.
    Manche Menschen finden den Klang eines Nebelhorns romantisch, da er in ihnen Gedanken an weite Reisen zu exotischen Orten erweckt – ich habe den Nebel nie gemocht. Er verschleiert mit seiner scheinbar bösen Absicht die Wirklichkeit und löscht alles aus, was sich auf Armeslänge entfernt befindet. Und alles Erdenkliche kann sich darin verbergen.
    Ich wusste, dass es dumm war, sich vom Nebel einer Küstenstadt aus der Fassung bringen zu lassen, also lief ich meine gewohnte Route und lauschte dabei dem Klang der Windspiele, die an den Dachtraufen vieler Häuser hingen.
    Ich kann es mir nicht erklären – vielleicht spürte ich, was kommen würde – aber mein Nacken begann auf einmal zu prickeln, als würden sich Hunderte feiner Nadeln hineinbohren. Also blieb ich stehen und hielt den Atem an, während die Furcht zuerst in meine Fußsohlen eindrang und dann meine Beine hinaufstieg. Irgendetwas bewog mich, so rasch wie möglich nach Hause zu rennen, und ich erreichte die Haustür just in dem Moment, in dem der Postbote aus den dichten Schwaden auftauchte.
    »Eine ziemlich dicke Suppe«, stellte er kopfschüttelnd fest, als er mir einen Stapel Briefe aushändigte.
    »Seien Sie bloß vorsichtig da draußen, Scooter«, sagte ich. »Ich habe Sie erst gesehen, als Sie schon auf meiner Treppe standen.«
    »Machen Sie sich um mich keine Sorgen, Ms. James. Dieser Nebel und ich, wir sind alte Freunde.«
    Ich sah zu, wie er wieder in der weißen Wand verschwand, und nahm dann meine Post mit nach drinnen, wo mich ein heißer Kaffee erwartete. Während ich mir eine Tasse eingoss, sichtete ich den Stapel. Neben dem üblichen

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