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Innerste Sphaere

Innerste Sphaere

Titel: Innerste Sphaere
Autoren: Sarah Fine
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PROLOG
    Wenn mir jemand an meinem ersten Tag an der Warwick Highschool erzählt hätte, dass ich für eine meiner Mitschülerinnen durch die Hölle gehen würde, und noch dazu für dieses Warwick-Alphaweibchen, hätte ich gelacht. Oder vielleicht hätte ich ihn mit einem Kugelschreiber erstochen. (Es war ein harter Tag.)
    Ich stand hinter der Schule und zündete mir eine dringend benötigte Pausenzigarette an, als ich sie zum ersten Mal sah. Sie war hübsch, blond, und was sie trug, hätte man mit dem Jahresunterhalt für ein Pflegekind nicht bezahlen können. Ihre hellblauen Augen huschten über den Zaun und landeten auf diesem langen, hageren Kerl in dreckigen Jeans, der neben mir stand. Sie ging zu ihm und fragte mit zittriger Stimme: »Angela hat mir gesagt, du hättest Oxycodon?«
    Dreckjeans löste sich vom Zaun. »Angela könnte recht haben, je nachdem, was du für mich hast.«
    Das Mädchen griff in den Geldbeutel, zog ein paar Scheine heraus und hielt sie in die Höhe. Am liebsten hätte ich ihr einen Schlag auf den Hinterkopf verpasst. Hatte ihr nie jemand beigebracht, dass man in aller Öffentlichkeit nicht mit Geld herumwedelt?
    Dreckjeans lächelte, drehte sich um und drängte sie gegen den Zaun. »Ich könnte mir vorstellen, dass du noch mehr für mich hast. Ist das dein erstes Mal?«
    Was soll man dazu sagen? Ziemlich mies, ziemlich zweideutig. Schon in dem Moment hätte ich ihm meine Zigarette ins Auge drücken sollen. Ich kann doch nicht das einzige Mädchen sein, das so was fantasiert.
    Der Blonden fiel die Kinnlade herunter. »Mein erstes … Ach so, dass ich herkomme … oder?«
    Merkte sie nicht, dass der Dreckskerl sie übervorteilen wollte? Wahrscheinlich würde er ihr das Geld abnehmen, aber sie hatte esja nicht anders gewollt. Und so wie er sie anstarrte, hätte ich wetten können, dass er es drauf anlegte, ihr für die Tabletten mehr als nur Geld abzunehmen. Das hatte sie allerdings nicht gewollt.
    Mir hätte es egal sein können. Die bissigen Kommentare von Mädchen wie ihr über meine wilde Mähne und meine superbilligen Kmart-Klamotten hatte ich im Ohr, seit ich am Morgen meines ersten Schultags aufgetaucht und von meiner neuen Pflegemutter und meiner Bewährungshelferin ins Sekretariat begleitet worden war. Ich hatte gesehen, wie diese Mädels zurückzuckten, als ich den Korridor entlangging. Sie tuschelten, ich hätte jemanden umgebracht, was überhaupt nicht stimmt. Ich habe nur beinah jemanden umgebracht. Mit den Gerüchten, den verkniffenen Gesichtern hatte ich gerechnet und bereits beschlossen, dass mir egal war, was sie dachten, dass sie alle mir komplett egal waren. Was kümmerte es mich, wenn ein Möchtegern-Drogendealer dieser Modetussi auf den Pelz rückte?
    Aber … in dem Moment, als ich sah, wie ihr sowieso schon blasses Gesicht käseweiß wurde, war mir klar, dass ich nicht tatenlos mit ansehen konnte, was da passierte.
    Also drückte ich meine Zigarette aus und machte ein paar Schritte auf sie zu. Ein Kraftprotz war ich nicht, aber auch keine magersüchtige Bohnenstange. Liegestütze sind kein Problem für mich. Zeit hatte ich mehr als genug gehabt im RITS – der Jugendhaftanstalt von Rhode Island. Was es wert ist, wenn man sich verteidigen kann, wusste ich auch. Eine der vielen Nebenwirkungen eines Daseins als Rick Jensons Pflegekind. Nach ein paar Monaten unter seiner »Obhut« hatte ich versucht, mich umzubringen. Und als das nicht der Fluchtweg war, auf den ich gehofft hatte, entkam ich auf einer anderen Route. Ich prügelte ihm die Scheiße aus dem Leib, sodass ich im Jugendknast landete. Wo ich lernte, keine Angst vor Kerlen wie Dreckjeans zu haben.
    »Na mach schon«, blaffte ich und trat noch einen Schritt näher. »Lass sie ihre Pillen kaufen und wieder zu ihren Freundinnen rennen.«
    »Halt’s Maul«, sagte Dreckjeans, rückte dem Mädel noch näher auf den Leib und sah sie von oben herab an. Für mich hatte er keinen Blick übrig. Er glaubte nicht, dass ich es mit ihm aufnehmen könnte. Echt stark.
    Die Glocke verkündete das Ende der Mittagspause. Ein krummes Ding würde reichen, um mich postwendend zurück ins RITS zu schicken. Also hätte ich schnurstracks ins Klassenzimmer huschen sollen, aber ich konnte mich nicht überwinden, die Blonde im Stich zu lassen. Ich wusste, wie es sich anfühlt, wenn man hilflos und wie festgenagelt ist, auch wenn ich mich noch so anstrengte, es zu vergessen.
    »Nimm das Geld«, wimmerte sie, »und lass mich in den

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