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Indigosommer

Indigosommer

Titel: Indigosommer
Autoren: Antje Babendererde
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1. Kapitel
    H ey, lass dich anschauen, Midget«, sagte Alec. »Du siehst toll aus, beinahe hätte ich dich nicht wiedererkannt.« Er grinste und ich spürte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg. Midget, Zwerg, so hatte er mich damals schon genannt.
    »Du hast dich auch ganz schön verändert«, bemerkte ich. Meine Zunge fühlte sich taub und mein Englisch ziemlich eingerostet an. Seit zwanzig Stunden war ich unterwegs, war hundemüde und gleichzeitig völlig aufgedreht.
    Alecs Grinsen wurde breiter, er schüttelte seinen Kopf mit den blonden Dreadlocks. »Die habe ich seit einem halben Jahr.«
    »Steht dir«, sagte ich.
    Meine Zähne hatten einen pelzigen Belag und ich bereute, mir nicht wenigstens einen Kaugummi in den Mund gesteckt zu haben, bevor ich aus dem Flieger gestiegen war.
    Alec zuckte mit den Achseln. »Finden Mom und Dad nicht.«
    Ich blickte an ihm vorbei, ließ meinen Blick suchend durch die Eingangshalle des Sea-Tac Airport schweifen, wo Reisende aller Hautfarben sich tummelten. »Wo sind sie eigentlich?«
    »Müssen arbeiten. Janice ist babysitten bei Freunden. Ich bin das Empfangskomitee.« Alec breitete seine Arme aus und umarmte mich. Meine Nase war dabei schätzungsweise zehn Zentimeter über seinem Bauchnabel. Er duftete nach frischer Baumwolle und mein Herz vollführte Purzelbäume.
    Alec Turner war meine erste große Liebe gewesen. Wenn man in einem Alter von zehn Jahren schon von Liebe sprechen konnte.
    Unsere Väter waren ein Jahr lang Arbeitskollegen gewesen. Warren Turner arbeitete (und tat es immer noch) bei Boeing in Seattle und mein Paps hatte damals gerade eine Stelle im Boeing-Büro in Berlin angenommen. Deswegen waren wir vor sechs Jahren von Suhl (einer kleinen Stadt hinter sieben Bergen) in Thüringen in die Hauptstadt gezogen.
    Anfangs kam ich nur schwer zurecht im Großstadtdschungel. Ich vermisste meine Freunde, die Berge, den Wald. Doch dann kamen die Turners nach Berlin. Mein Vater und Warren wurden Freunde und Alec und seine Schwester Janice meine bevorzugten Spielkameraden. Ich schwärmte glühend für den drei Jahre älteren Alec mit den blauen Augen und den hellblonden Locken, deshalb wollte ich alles verstehen, was er sagte. Auf diese Weise lernte ich Englisch.
    Alec war damals schon groß für sein Alter und – im Nachhinein betrachtet – sehr geduldig mit dem dünnen Winzling, der ihm auf Schritt und Tritt folgte. Liebevoll nannte er mich Zwerg.
    Als die Familie Turner nach einem Jahr zurück nach Seattle zog, dachte ich, die Welt müsse stehen bleiben. Aber das tat sie natürlich nicht.
    Sechs Jahre später war Berlin mein Zuhause, ich brachte es auf beinahe einen Meter sechzig, war beinahe sechzehn und hatte meine erste feste Beziehung hinter mir. Sieben Monate lang hatte mein Himmel voller Geigen gehangen, bis schlagartig alles vorbei war. Sebastian machte Schluss, als er erfuhr, dass ich für ein Schuljahr nach Seattle gehen würde. Er sei kein Freund von Fernbeziehungen, hatte er mir kurz und bündig erklärt. Seattle und Berlin, das wäre nicht kompatibel.
    »Ich komme wieder«, erinnerte ich ihn, erschüttert und zutiefst verletzt. Aber er meinte, dieses Jahr in Amerika würde mich verändern und er mochte mich nun mal so, wie ich war.
    Das war jetzt auch schon wieder drei Monate her. In schwachen Stunden trauerte ich Sebastian immer noch nach. Immerhin, er war meine zweite große Liebe gewesen. Trotzdem brauchte es jetzt nur etwa fünf Minuten und meine alte Leidenschaft für Alec flammte erneut auf. Aus dem niedlichen Dreizehnjährigen war ein strahlend schöner junger Mann geworden. Zum Niederknien schön. Groß und sportlich, braungebrannt, entwaffnend charmant und witzig noch dazu. Und diese wunderbaren blauen Augen, die mich schon damals fasziniert hatten. Nur, dass sie nun eine Vielzahl an Gefühlen in mir hervorriefen, die ich als Zehnjährige noch gar nicht gekannt hatte.
    Alec schnappte sich den Gepäckwagen und hievte meine Koffer darauf. Gemeinsam liefen wir in Richtung Ausgang. Er plauderte ganz unbefangen, als wären nur ein paar Wochen und nicht zwei Jahre vergangen, seit wir uns das letzte Mal gesehen hatten. Vor zwei Jahren hatte ich mit meinen Eltern bei den Turners in Seattle Urlaub gemacht, doch ausgerechnet in dieser Zeit war Alec mit seinen Kumpels zelten gewesen, sodass wir uns nur ganz kurz gesehen hatten.
    Janice und ich hielten durch E-Mails Kontakt, aber von ihrem Bruder hatte sie nie viel geschrieben. Ich freute mich seit Wochen auf

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