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In sueßer Ruh

In sueßer Ruh

Titel: In sueßer Ruh
Autoren: C. E. Lawrence
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anhat, wirkt total neu. Als hätte sie es sich extra für den Anlass gekauft.«
    »Ja – Sie haben recht«, stimmte Butts ihm zu. »Das ist es! He, wir geben ein richtig gutes Team ab, Doc.«
    Lee lächelte. Dies war ihr dritter gemeinsamer Fall. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten hatte er Zuneigung zu dem stämmigen Detective gefasst und musste zugeben, dass sie gut zusammenarbeiteten.
    »Wie hat er das Blut aus ihr herausbekommen?«, fragte Lee. »Ich sehe keinerlei Anzeichen von Verletzungen.«
    »Sie hatte eine kleine Stichwunde am rechten Arm«, erklärte der Commander.
    »Himmel«, sagte Butts, »was für ein Vampir entnimmt denn Blut aus dem Arm eines Opfers?«
    »Einer, der ihr Blut wirklich wollte«, bemerkte Chuck. Er wandte sich an Lee. »Was hältst du davon?«
    »Er hat offensichtlich Zugang zu den dafür erforderlichen Instrumenten.«
    »Das hätte ich Ihnen auch sagen können«, warf Butts gähnend ein. »Verzeihung«, sagte er verlegen, »meine Frau und ich haben gestern bis spät in die Nacht sauber gemacht. Unsere Verwandtschaft hat sich angesagt … äh, für Mittwoch.«
    Lee wusste, was er meinte und warum es ihm schwerfiel, es auszusprechen. Am Mittwoch war der erste Jahrestag des Angriffs auf das World Trade Center. In ganz New York City waren die Menschen noch immer äußerst empfindsam, und ein Jahr danach war das Schwelen der Ruinen von Ground Zero gerade erst zum Erliegen gekommen. Tausende von Familien waren damit konfrontiert, niemals genau zu erfahren, wie ihre Angehörigen umgekommen waren oder was aus ihren Überresten geworden war. Die meisten Opfer – diejenigen, die nicht verbrannt waren – lagen unter Bergen aus verbogenem Metall, geborstenem Glas und Trümmern. Die Bergungsarbeiten dauerten noch an und gingen langsam und mühselig voran, die Arbeiter klaubten Teile von Knochen und Kleidung aus den schier unvorstellbaren Schichten zerbröselten Stahls und Betons, dem Einzigen, was von den einst stolzen Türmen übrig geblieben war.
    In allen fünf Stadtbezirken fanden Feierlichkeiten und Konzerte statt. Lee freute sich nicht auf die emotionale Tortur, diesen schrecklichen Tag noch einmal aufleben zu lassen, und konnte sich nicht vorstellen, dass Butts es tat. Wie viele andere im Großraum New York hatte auch der Detective jemanden gekannt, der in dem Feuersturm umgekommen war – eine junge Frau, die mit seinem Sohn aufs Purchase College gegangen war. Sie hatte Finanzwissenschaft studiert und für Cantor Fitzgerald gearbeitet, jene Investmentbank, die mehr Mitarbeiterverluste zu erleiden hatte als jedes andere Unternehmen.
    Chuck räusperte sich. »Schön, hat unser Unbekannter demnach irgendeinen medizinischen Hintergrund?«
    Lee schüttelte den Kopf. »Nicht unbedingt. Möglich – er könnte aber auch einfach Laborant sein oder –«
    »Einer, der sein Medizinstudium abgebrochen hat«, meinte Butts.
    »Das zählt als medizinischer Hintergrund«, entgegnete Chuck.
    »Ich wollte eigentlich Tierarzthelfer sagen«, fuhr Lee fort. »Aber das gilt vermutlich auch als medizinischer Hintergrund.«
    »Hätte er sich das auch im Internet aneignen können?«, wollte Butts wissen.
    »Schon möglich«, antwortete Lee. »Wer hat die Autopsie durchgeführt?«, fragte er Chuck.
    »Russell Kim.«
    »Wir sollten mit ihm reden«, bemerkte Butts.
    »Sehe ich auch so«, sagte Lee.
    »Aber gibt es schon mal irgendwas, das du mir über seine Psyche sagen kannst, seine Motivation?«, fragte ihn Chuck.
    »Nun, ich würde sagen, es handelt sich um eine Phantasie, die er schon oft im Kopf durchgespielt hat, wahrscheinlich schon jahrelang.«
    »Sie aber nie ausgelebt hat …«
    »Bis jetzt.«
    »Das wirft die Frage auf: warum jetzt?«, meinte Butts.
    »Genau«, stimmte Lee zu.
    Auf dem Fenstersims gab die Fliege ihr Herumgesurre auf und lag benommen da. Ihre matten Überlebensversuche hatten schließlich dem unerbittlichen süßen Sog des Todes nachgegeben.

KAPITEL 3
    Er würde sie bekommen. O ja, er würde sie bekommen, genau wie er all die anderen bekommen hatte, mit ihrer süßen, milchigen Haut, strotzend vor Jugend und Hoffnung – und Blut. Jene zähe Flüssigkeit, die ihm noch fehlte für seine dunklen Begierden. Durch sie, mit ihnen, mit ihrer Hilfe lebte er. Natürlich verstand das niemand – wie auch? –, doch das minderte weder das Drängen seines Verlangens noch die Intensität seiner Begierde.
    Und je mehr er davon bekam, desto mehr wollte er – brauchte er.
    Davey legte die CD ein,

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