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In sueßer Ruh

In sueßer Ruh

Titel: In sueßer Ruh
Autoren: C. E. Lawrence
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noch nie hier gesehen habe. Was ist deine Blutgruppe?«
    Sie starrte ihn an und brach in Lachen aus. »Hältst du das wirklich für eine taugliche Anmache?«
    Er lächelte auf sie hinab. »Findest du nicht, es ist besser, als dich nach deinem Sternzeichen zu fragen?«
    »Eigentlich nicht.«
    Er zuckte mit den Achseln und sah sich im Raum um, wobei er seinen Spazierstock aus Ebenholz zwischen den Fingern hin- und herdrehte wie einen Gummiknüppel. Sie konnte nicht umhin, seine langen, grazilen Hände und die perfekt manikürten Fingernägel zu bewundern. Und registrierte, dass der Griff des Spazierstocks ein grinsender Totenschädel war.
    »Nun?«, sagte er. »Ich warte.«
    »Wozu willst du das wissen?«
    Er tippte sich mit dem Stock leicht an den Kopf. »Nenn es morbide Neugier. Weißt du das denn nicht? Wir sind hier alle verrückte Wissenschaftler. Komm schon, lass mir meinen Willen – sei ein braves Mädchen.«
    »0 positiv«, sagte sie und suchte den Raum mit Blicken nach irgendeinem Anzeichen ihres Bruders ab. Das Gedränge an der Bar wurde immer dichter, die Leute standen inzwischen dreireihig an.
    »Ah«, meinte er, »du Glückliche – die kommt ja am häufigsten vor.«
    »He«, wechselte sie das Thema, »kennst du meinen Bruder, François?«
    Ein Grinsen überzog sein Gesicht. »François ist dein Bruder? Natürlich kenne ich den!«
    Sie lächelte über den manierierten britischen Akzent. Das war ein Aspekt des Steampunk, den sie irgendwie – na ja, affig fand. All diese Freaks und Außenseiter, die so gentlemanlike herumliefen und einen auf englischen Wissenschaftler und Forscher machten, waren eigentlich ziemlich peinlich.
    »Ist er schon hier?«, fragte sie.
    »Allerdings«, erwiderte der junge Mann. »Er ist im Heizraum.«
    Sie runzelte die Stirn. »Im Heizraum?«
    »Ach, den nennen wir bloß so«, meinte er. »Das ist ein separater Extraraum. Ist ein bisschen stickig da drin, deshalb nennen wir ihn Heizraum.«
    »Oh«, sagte sie und reckte den Kopf, um durch das Gewühl etwas sehen zu können.
    »Ich meine, soll ich dich hinbringen?«, fragte er gut gelaunt.
    »Ähm … gern.«
    »Hier lang«, rief er über die Schulter und stiefelte von der Menschenmenge weg in Richtung eines etwas abgesondert liegenden Winkels des riesigen Raums.
    Candy warf einen letzten Blick zurück auf das Gewimmel lachender, trinkender und flirtender Menschen. Der Duft von – Hammelfleisch? – stieg ihr in die Nase, und ihr knurrte der Magen. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen, und sie bekam unvermittelt Lust auf das, was den Gästen der Party auch immer hier aufgetischt wurde.
    »Vorwärts, jetzt!«, blaffte er sie an und pochte mit seinem Spazierstock ungeduldig auf den Boden. »Wir dürfen Bruder Franky nicht warten lassen!«
    »Komme schon!«, piepste sie und trippelte, so schnell es ihre spitzen Absätze erlaubten, hinter ihm her. Vage registrierte sie, dass kein einziger Bekannter ihres Bruders ihn jemals »Franky« genannt hatte – er hatte stets auf François bestanden. Doch der Gedanke verflüchtigte sich ebenso schnell, wie er gekommen war, wie eine platzende Seifenblase.
    Später konnte sich keiner der Partygäste entsinnen, mit ihr gesprochen zu haben, obwohl sich ein, zwei Leute dunkel erinnerten, sie gesehen zu haben. Zum Beispiel eine aparte Frau in einem roten Satinkleid. Sie hatte gedacht, sie sei vielleicht jenes Mädchen gewesen, das die Party früh verlassen und ziemlich betrunken gewirkt hatte, aber mit Sicherheit könne sie es nicht sagen. Das Mädchen habe sich auf den Arm eines groß gewachsenen jungen Mannes gestützt, den es anscheinend kannte – die Zeugin hatte die beiden allerdings nur von hinten gesehen, als sie weggingen, und konnte keinen der beiden eindeutig identifizieren.

KAPITEL 2
    »Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen!«
    Detective Leonard Butts lehnte sich in dem reichlich mitgenommenen Schreibtischsessel zurück und legte seine stämmigen Arme über den runden Bauch. Sie berührten sich dabei nur knapp. Auf seinem Gesicht, das voller Aknenarben und mit tiefen Furchen durchzogen war, lag ein Ausdruck ungläubiger Betroffenheit. Diesen Ausdruck hatte Lee Campbell, Profiler des New York Police Department ( NYPD ), schon häufiger gesehen, und er fand, dass er Butts stand.
    »Ich meine, ich bitte Sie!«, fuhr der rundliche Detective fort und blickte seinen Commander Chuck Morton, Chef des Morddezernats Bronx, finster an. »Todesursache Ausblutung? Herrgott noch mal, was soll das

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