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In sueßer Ruh

In sueßer Ruh

Titel: In sueßer Ruh
Autoren: C. E. Lawrence
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KAPITEL 1
    Candy Nugent schlenderte in den riesigen Raum und sah sich um. Sie fühlte sich unsicher, was ihre Entschlossenheit, absolut souverän zu wirken, noch steigerte. Sie spielte mit ihren Fingern an den Schnürbändern ihres Lederkorsetts herum, bevor sie sich nervös ins Gesicht fuhr. Sie hatte das Korsett viel zu fest geschnürt und konnte kaum atmen. Doch ihr gefiel die Silhouette, die es ihrem schlanken Oberkörper verlieh, wie es ihre Taille zusammenzog und ihr bisschen Busen nach oben schob, sodass ihre Brüste fast aus der Spitzenbluse schwappten, die sie darunter trug. Ihr kurzer schwarzer Seidenrock schmiegte sich eng an die Hüften und brachte ihre schlanken Beine in den schwarzen Netzstrümpfen zur Geltung.
    Ganz besonders gefielen ihr die knöchelhohen Schnürstiefel mit den spitzen Pfennigabsätzen und den insgesamt sechzehn Ösen. Das einzig wirkliche Problem ihres Outfits war die ins Haar geschobene Schutzbrille, die ihr ständig über das glänzende Haar auf die Stirn und die Nase rutschte. Dabei durfte man sie nicht aufsetzen, hatte François ihr eingeschärft – sie war reine Deko, Bestandteil des Looks.
    François wusste viel mehr über Steampunk als sie. Candy war eine Mitläuferin, François hingegen ein Vorkämpfer. Zumindest hatte er sich selbst so bezeichnet: als Vorkämpfer, der Masse voraus, ein Trendsetter. Es gab vermutlich Schlimmeres, als einen Bruder zu haben, der ein Trendsetter war – oder sich für einen hielt. Jedenfalls hatte sie gelernt, dass es in der Regel einfacher war, François zuzustimmen, als mit ihm herumzustreiten.
    Und deshalb war sie jetzt hier, in New Yorks »erstem echten Steampunk-Klub«, irgendwo Richtung Downtown östlich von Chinatown. Sogar der Taxifahrer hatte Probleme gehabt, ihn zu finden – der Eingang war nicht gekennzeichnet, was ihn, laut François, ja gerade so cool machte.
    Der Raum war dunkel, an den Wänden glommen jedoch Kupferleuchten, und sie musste die Augen zusammenkneifen, um sie an die Beleuchtung zu gewöhnen. Ein gewaltiger Heizkessel aus Messing in der Mitte des Raums dominierte den Laden. Die Wände säumten rote Lederbänke, vor denen niedrige, offensichtlich aus Industriestahl gefertigte Tische standen. Im hinteren Bereich des Raums befand sich eine lange Bar aus poliertem Walnussholz mit einer hochglänzenden Messingreling. Links und rechts davon hingen mächtige Wandteppiche von der Decke. Die hellste Lichtquelle bildete ein ausladender Kronleuchter in der Raummitte, doch trotz der Gasleuchten an den Wänden herrschte eine düstere Atmosphäre. Die Betonböden waren mit plüschigen Perserteppichen bedeckt, tief und weich wie eine Sommerwiese. Sie ging ein paar Schritte weiter und suchte die Menge nach ihrem Bruder ab.
    Sie fühlte sich bestätigt, als sie sah, dass sie hierherpasste – zumindest was ihre Garderobe anging. Der Raum war voll mit Leuten, die ziemlich ähnlich gekleidet waren wie sie. Die Männer trugen Westen im Stil des 19. Jahrhunderts und Krawatten, die eleganteren unter ihnen zudem Fräcke und Zylinder. Einige waren mit Kniebundhosen und ledernen Fliegermützen formloser angezogen – aber durchweg alle hatten eine Schutzbrille auf. Die Garderobe der Frauen war gemischt, sie reichte von langen viktorianischen Gewändern bis hin zu kurzen Röcken wie ihrem. Doch die Szene entsprach genau dem, wie François sie beschrieben hatte: Eleganz des 19. Jahrhunderts trifft industrialisierte Gruftimode.
    Eine groß gewachsene Brünette in einem roten Satinkleid kam auf sie zu und sah sie abschätzend an. Anscheinend fand Candy ihre Zustimmung, jedenfalls zuckte ein Lächeln über das Gesicht der Frau, als sie mit einem huldvollen Nicken an ihr vorbeifegte. Dabei nahm Candy den Duft eines altmodischen Parfüms wahr – war es Patschuli? Sie war sich nicht sicher.
    Sie drehte sich um und sah einen jungen Mann auf sich zugehen. Er war groß und dünn, allerdings auf diese drahtige Art, die sie mochte, mit langen, sehnigen Muskeln und straffer, heller Haut. Sein glänzendes schwarzes Haar wippte beim Gehen, und er hatte volle, rote Lippen. Er trug seinen schwarzen Cutaway, eine gestärkte weiße Weste und die gestreifte Röhrenhose mit einer Lässigkeit, als sei er darin geboren worden. Um den Hals war salopp eine bordeauxrote Krawatte gebunden, und er hatte einen eleganten schwarzen Spazierstock mit Silberspitze bei sich.
    »Tja, hallo«, sagte er mit affektiertem englischen Akzent. »Ich muss schon sagen, dass ich dich

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