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In Schinkenbüttel ist der Affe los!

In Schinkenbüttel ist der Affe los!

Titel: In Schinkenbüttel ist der Affe los!
Autoren: Werner Schrader
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    Pünktlich, wie es im Kalender stand, ging um zwanzig Uhr vierunddreißig die Sonne unter. Über Schinkenbüttel brach die Nacht herein. Die Leute saßen vor ihren Fernsehern und sahen einen Krimi. Kaum jemand war noch unterwegs. Im Hause Brunnenstraße 13 lag der kleine Markus in seinem Bett und quälte seine Tante. Weil er den Krimi nicht sehen durfte, verlangte er von ihr, daß sie ihm eine ganz schaurige Geschichte erzählte, so schaurig, daß ihm die Knie schlotterten und die Zähne klapperten. Tante Steffi wollte aber nicht. Sie konnte es auch nicht. Die Geschichten, die sie erzählte, waren so langweilig, daß man dabei einschlief. Zahme Rehe kamen darin vor, Teddybären und Hampelmänner. Die waren immer traurig und weinten, weil die Mama mal eben zum Bäcker gegangen war, um Brötchen zu kaufen. Als ob Rehe jemals zum Bäcker gingen! Nein, mit solchem Weiberquatsch sollte Tante Steffi ihn gefälligst verschonen. Markus verlangte andere Kost. Ein paar Bankeinbrüche, ein hübscher kleiner Postzugüberfall und eine Schießerei in der Tiefgarage oder auf dem Dach eines Hochhauses mußten schon dabeisein.
    „Los, Tante Steffi“, drängte er, „fang endlich an! Vati erzählt mir jeden Abend eine Gruselgeschichte, wenn er zu Hause ist. Ohne Gruselgeschichten kann ich einfach nicht einschlafen.“
    Tante Steffi schüttelte den Kopf.
    „Nein“, sagte sie, „Gruselgeschichten sind schädlich. Ich glaube auch nicht, daß dein Vater dir welche erzählt. Wenn du mir versprichst, endlich Ruhe zu geben, erzähle ich dir, wie Teddy einmal fast in den Graben gefallen wäre und dabei seinen Schuh im Wasser verlor.“
    Markus gähnte.
    „Das muß ja unerträglich spannend gewesen sein“, sagte er. „Ein Nervenkitzel erster Klasse. Laß bloß die Feuerwehr noch mit in deiner Geschichte aufkreuzen, damit die Sache wenigstens ein bißchen Schmiß hat.“
    „Die Feuerwehr?“ fragte Tante Steffi erstaunt. „Was soll die denn dabei tun?“
    „Na, die könnte Teddy doch aus dem Graben fischen und mit Blaulicht und Martinshorn ins Krankenhaus fahren.“
    „So ein Unsinn“, entgegnete Tante Steffi kopfschüttelnd. „Was soll Teddy im Krankenhaus, wenn sein Schuh im Wasser liegt? Du hast ja eine ausgefallene Phantasie, mein Junge.“
    Markus gähnte noch einmal.
    Prost, Mahlzeit! dachte er. Das fängt ja gut an. Drei Wochen lang würde er nun jeden Abend Tante Steffis zu Herzen gehende Rührgeschichten hören, und wahrscheinlich würde er diesen Unsinn auch noch weiterträumen. Er seufzte und beschloß, seinen Eltern gleich morgen ein Telegramm zu schicken und sie zu bitten, eine Woche früher aus Italien zurückzukehren. ,Kommt bald heim!’ wollte er schreiben. ,Tante Steffis Geschichten bringen mich um.’ Während er diesen trostvollen Gedanken nachhing, begann die alte Dame zu erzählen.
    „Es war im Sommer“, sagte sie, „mitten im Sommer, da ging Teddy über die blühende Wiese und pflückte Blumen. Schöne Blumen, Wiesenschaumkraut, Kuckuckslichtnelken und Himmelsschlüssel. Und wie er so ging...“
    Markus schloß die Augen und dachte an Filip, seinen Affen. Der arme Kerl hatte auch drei schlimme Wochen vor sich. Weil Tante Steffi Angst vor Tieren hatte und auf keinen Fall zu Markus ins Haus gezogen wäre, wenn sie gewußt hätte, daß er einen Affen besaß, mußte der kleine Bursche im Keller hausen. Er saß in einem Kaninchenstall und litt. Markus hatte sich zwar vorgenommen, den Affen hin und wieder aus seiner Zelle zu befreien, immer dann nämlich, wenn Tante Steffi einkaufen ging, aber dabei müßte er darauf achten, daß Filip sich sehr anständig benahm, keine Vase umstieß, keine Gardine zerriß und keine Toilettenpapierschlangen im Hause ausrollte. Darum würden diese „Freistunden“ dem bedauernswerten Affen sicherlich erscheinen wie Spaziergänge im Gefängnishof. Jetzt schlief Filip wahrscheinlich schon. Hoffentlich hatte er wenigstens einen schönen Traum!

    Seiner Tante hatte Markus vorsorglich erzählt, daß er ein kleines Kaninchen im Keller halte. So würde sie keinen Verdacht schöpfen, wenn er dreimal und öfter täglich nach unten ging, um Filip zu füttern. Seine Freundin Kirsten hatte ihm zum Vorzeigen sogar eins ihrer Kaninchen ausgeliehen, und Tante Steffi hatte ihm großzügig erlaubt, es zu behalten. Nein, sie würde niemals dahinterkommen, daß Markus ein Urwaldtier statt eines gewöhnlichen Stallhasen im Hause hatte. Niemals!
    „...und da sah er ein wunderhübsches blaues

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