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In Den Armen Des Schicksals

In Den Armen Des Schicksals

Titel: In Den Armen Des Schicksals
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PROLOG
    1965
    E s war Blasphemie … aber Margaret Henley wusste, sie hatte schon lange genug gelebt, um das Unheil auf Druidheachd zukommen zu sehen. Wenn die dunkle Wolke sich über dem kleinen Dorf in den schottischen Highlands entlüde, würde sie allerdings nicht mehr leben. Auch wenn Margaret ihre genaue Sterbestunde nicht kannte, so wusste sie doch, dass diese lange vor Druidheachds schwerster Prüfung schlagen würde.
    Wie oft hatte sie sich gewünscht, die Sehkraft ihres Zweiten Gesichts, die sie vor den Tragödien im Leben der Dorfbewohner warnte, hätte mit dem Alter ebenso nachgelassen wie die ihrer Augen …
    Eine Stimme holte sie in die Gegenwart zurück. „Mum, du hast heute weder einen Happen gegessen noch einen Fuß aus dem Bett gesetzt! Also, in meinem Haus gibt es so was nicht! Entweder du hilfst mir jetzt dabei, dich in den Sessel beim Fenster zu bugsieren, oder ich rufe Dr. Sutherland an, damit er dich in der Dorfklinik unterbringt. Und das ist mein voller Ernst.“
    Margaret hob die Lider. Nun, ihr Augenlicht war scheinbar auch noch nicht genug erloschen. Denn leider konnte sie immer noch sehr deutlich sehen, wie Flora, die eigensinnigste Tochter, die man sich vorstellen konnte, auf sie herabschaute. „Ich habe keine Lust aufzustehen.“
    „Und ich habe keine Lust, dich im Nachthemd zu beerdigen! Wenn du schon unbedingt sterben willst, dann steh wenigstens auf und zieh dir dein bestes Kleid an.“
    Etwas machte sich tief in Margaret bemerkbar, etwas, mit dem sie wahrlich nicht gerechnet hätte. Sie spürte, wie ihre Mundwinkel sich verzogen und das Lachen sich in ihrer Kehle emporarbeitete. „Flora, es ist ein Kreuz mit dir. Ich beklage den Tag, an dem ich dich empfangen habe.“
    „Soll ich den Doktor anrufen?“
    Mühsam setzte Margaret sich auf. Das Knacken in ihren Gelenken war nicht zu überhören. Hatte sie etwa mit ihren über neunzig Lebensjahren noch immer nicht genug Hammeltalg vertilgt, um die Gelenke gut geölt zu halten? „Ich werde wohl nie wissen, warum ich Dinge sehe.“
    „Weil der Herr im Himmel es so wollte, und weil du ein verknöchertes altes Frauenzimmer und zu stark bist, um dich von ein paar Visionen unterkriegen zu lassen und dich im Bett zu verkriechen.“ Flora war auch lange nicht mehr die Jüngste. Als sie sich bückte, um ihrer Mutter zu helfen, die Beine aus dem Bett zu heben, meldeten die eigenen Gelenke lautstark Protest an.
    „Eher sterbe ich!“
    Flora hielt eine Haarbürste hoch. „Soll ich dich kämmen?“
    „Das bisschen, das noch übrig ist, kämme ich selbst.“ Margaret nahm die Bürste entgegen und zog die weichen Borsten hauptsächlich über kahle Schädelhaut.
    „Es gibt neuen Klatsch im Dorf.“ Flora stemmte die Hände in die schmalen Hüften und schürzte die Lippen. „Aber ich denke, den erzähle ich dir nicht eher, bis du etwas gegessen hast.“
    „Ich will deinen Klatsch gar nicht hören.“ Margaret hielt abwägend inne. „Es sei denn, es betrifft den Gutsherrn.“
    „Aye, das tut es.“
    „Dann frühstücke ich beim Fenster.“
    Margaret wartete, bis Flora das Zimmer verlassen hatte, bevor sie aufstand, sich anzog und zu dem kleinen Tischchen am Fenster ging. Von hier hatte man einen wunderbaren Blick auf die Highlands. Margaret war agil genug, um sich mit Flora und deren Mann zum Essen zusammenzusetzen, und von Zeit zu Zeit tat sie es auch. Aber meist schützte sie Mattigkeit oder Schmerzen in den alten Knochen vor, damit sie ihre Ruhe genießen konnte. Flora plapperte immer so viel und regte sich über Nichtigkeiten auf.
    Jetzt kam Flora mit einem Tablett zurück. „Ein schönes frisches Brötchen und Sahneporrigde. Du bist ja dürr wie ein Stock. Wenn ich eine alte Frau bin, dann hoffe ich, dass meine Tochter genauso gut zu mir ist wie ich zu dir.“
    „Du bist eine alte Frau, und du hast nur Söhne geboren.“
    Flora verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich erzähle dir nicht einmal das kleinste Fitzelchen von den Neuigkeiten, bis du alles aufgegessen hast.“
    Margaret hatte Hunger, dennoch murrte sie rebellisch, einfach, weil es so von ihr erwartet wurde. Sie setzte sich, goss die Extraportion Sahne, die Flora vorausschauenderweise mit auf das Tablett gestellt hatte – Flora war eine wirklich gute Tochter –, über ihr Porridge und aß alles auf, bis auf einen letzten Löffel, den sie absichtlich übrig ließ. Dann strich sie Butter auf das Brötchen und genoss auch noch den letzten Krümel. „So! Bist du nun

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