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Immer eine Frau auf Eis

Immer eine Frau auf Eis

Titel: Immer eine Frau auf Eis
Autoren: Carter Brown
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1
     
    Gleich nach dem Vergnügen, eine
reiche, gutaussehende Klientin zu haben, kommt die Genugtuung, von einem
wohlsituierten Klienten engagiert zu werden; und Charlie Vanossas Stadthaus deutete auf sehr viel Geld. Abgesehen von einem eigenen Fahrstuhl
verfügte das fünfstöckige Gebäude sogar über einen eigenen Ballsaal mit
original venezianischen Kronleuchtern. Ein uniformiertes Dienstmädchen mit Nußknackergesicht öffnete mir die Tür. Ich war einigermaßen
enttäuscht. Eigentlich hatte ich Vanossa mehr
Geschmack zugetraut — aber vielleicht redete seine Frau bei der Auswahl des
Personals ein Wörtchen mit.
    »Mein Name ist Boyd«, sagte ich
und wandte ihr mein linkes, besonders markantes Profil zu, um ihr trübes Dasein
durch einen kleinen Lichtblick zu erhellen. »Mr. Vanossa erwartet mich .«
    »Er sitzt in der Bibliothek«,
erwiderte sie mit irischem Akzent und fixierte mich kühl. »Und wer Boyd heißt,
sollte seinen Mitmenschen gerade ins Angesicht blicken können, ohne den Kopf so
zu verrenken !«
    Ehe ich eine Antwort fand,
stand ich bereits in der Bibliothek, und Vanossa erhob sich aus einem Ledersessel, um mich zu begrüßen. Er war etwa
fünfunddreißig Jahre alt und mittelgroß, wirkte jedoch kleiner, da er bereits
deutliche Ansätze zur Fettleibigkeit aufwies. Sein langes, blondes Haar fiel
ihm ständig über das rechte Auge, so daß er in Abständen den Kopf zurückwarf,
was an einen nervösen Wallach erinnerte. Der ausdruckslose Blick seiner blaßblauen Augen entsprach durchaus dem fliehenden Kinn.
Vielleicht war er das degenerierte Endprodukt einer Inzest treibenden Familie.
    »Mr. Boyd.« Sein Händedruck war
lasch wie der ganze Mensch. »Wie schön, daß Sie gekommen sind. Ich bin vor
Sorge schon halb verrückt .«
    »Tatsächlich ?« sagte ich vorsichtig, da ich es nicht für ausgeschlossen hielt, daß dies ein
Dauerzustand bei ihm war.
    »Es handelt sich um Karen,
meine Frau .« Er warf wieder den Kopf zurück. »Sie ist
jetzt schon eine ganze Woche weg, drei Tage länger als gewöhnlich .«
    »Wollen Sie sich scheiden
lassen, Mr. Vanossa ?«
    »Um Himmels willen, nein!« Er
blickte mich entsetzt an. »Das wäre eine Katastrophe, Mr. Boyd. Ihr gehört doch
alles .«
    »Wie soll ich das verstehen ?« erkundigte ich mich.
    »Einfach alles«, wiederholte
er. »Das Haus, die Wagen, das Geld — eben alles. Wenn ich von Karen geschieden
würde, müßte ich ja mein Geld wieder selbst verdienen« — allein der Gedanke
daran ließ ihn erbleichen — , »und das war noch nie
meine starke Seite.«
    Hinter mir stand ein zweiter
Ledersessel, in den ich mich schnell sinken ließ, da dies eine etwas längere Sitzung zu werden schien.
    »Ihre Frau Karen wird also seit
einer Woche vermißt , das sind drei Tage länger als
üblich«, zitierte ich laut. »Sie wollen sich nicht scheiden lassen, weil Ihre
Frau das alles hier besitzt, und engagieren mich, um sie zu suchen .«
    »Genau.« Vanossa strahlte mich an. »Sie haben eine verblüffende Auffassungsgabe, Mr. Boyd, Sie
kommen gleich zum Kern der Sache. Mein Freund, der Sie mir als einen der
fähigsten Köpfe in Ihrer Branche empfahl, hat wirklich nicht übertrieben .« Er schleuderte temperamentvoll die Haarsträhne aus dem
Gesicht. »Kein bißchen!«
    »Macht sie das immer ?« fragte ich. »Ich meine, für ein paar Tage verschwinden ?«
    »Ach, ziemlich regelmäßig...«
Er kaute einige Sekunden nachdenklich an seiner Unterlippe, als ob sie nach
Erdbeeren oder etwas ähnlich Köstlichem schmeckte. »Durchschnittlich einmal im
Monat, würde ich sagen, das heißt, wenn sie jemand Interessantem begegnet .«
    »Mit >jemand< meinen Sie
einen Mann ?«
    »Natürlich.« Die blaßblauen Augen heischten um Vergebung. »Sagte ich noch
nicht, daß Karen Nymphomanin ist ?«
    »Nicht wörtlich«, murmelte ich.
»Und das stört Sie nicht ?«
    »Ich empfinde diesen Zustand
als Erleichterung«, erklärte er beiläufig. »Mir ist jede Form körperlicher
Betätigung zuwider .«
    Vanossa betrachtete mich mit mildem
Interesse, während ich ihn anstarrte und überlegte, weshalb er unter diesen
Umständen so begierig darauf war, seine Frau wiederzusehen.
    »Glauben Sie, daß Ihre Frau
auch diesmal mit einem Mann unterwegs ist ?« fragte
ich. »Einem bestimmten Mann, meine ich ?«
    »Bestimmt .« Er nickte bekräftigend. »Karen würde sich kaum auf Massenorgien oder
dergleichen einlassen; es muß auch diesmal wieder ein einzelner Mann sein, Mr.
Boyd .«
    »Haben Sie eine

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