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Im Zeichen der Sechs

Im Zeichen der Sechs

Titel: Im Zeichen der Sechs
Autoren: Mark Frost
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’ne halbe Stunde, bis wir dran vorbei waren. Und kaum sind wir wieder in Bewegung, da verliert einer seiner Wallache ’n Eisen im Matsch und fangt an zu hinken wie ’n Hund auf drei Beinen. Jetzt hat’s meinem Fahrer die Petersilie verhagelt, und er läßt sich nicht trösten – er ist Waliser, und da überrascht das nicht –, und so bleibt mir nichts anderes übrig, als den Unglücksraben mitten auf der Straße stehenzulassen, im strömenden Regen die letzte halbe Meile hierher zu Fuß zu marschieren und mich draußen durch ’ne Meute von außer Rand und Band geratenen Touristen zu hacken, um ’ne andere Droschke zu finden. Nur gut, daß ich ’ne Stunde vor Ihrer planmäßigen Ankunft losgefahren bin, denn sonst wäre ich nicht bloß zehn Minuten zu spät gekommen.«
    »Danke, Larry«, sagte Doyle.
    Er fand seinen Disput mit Innes über die Launen des Schicksals eindrucksvoll beendet und ließ ein triumphierendes Lächeln aufstrahlen, aber wie es die Art jüngerer Brüder ist, offerierte Innes kein Eingeständnis seiner Niederlage, sondern spähte kühl ins Weite, als prangten fern auf einem Hang die Großen Pyramiden.
    Doyle schnaubte trocken und setzte sich, den Gepäckträger im Schlepptau, mit den andern in Bewegung, dem Ausgang zu. Der robuste junge Innes lief als Stürmer voraus und pflügte ihnen einen Weg durch die Menge wie der Kuhfänger an einer Lokomotive.
    »Sie können froh sein, daß unser neuer Fahrer ’n Fan der Rechenmaschine ist«, sagte Larry, einen ihrer Spitznamen für Doyles berühmte literarische Gestalt benutzend. »Mußte ihm ein Autogramm versprechen, damit er wartet.«
    Noch bevor Doyle zu einer Bemerkung ansetzen konnte, holte Larry unter seinem Regenmantel eine Ausgabe des »Strand Magazine« mit einer alten Holmes-Story hervor: In fünf Jahren im Dienste Doyles hatte es der Cockney und ehemalige Einbrecher zu beinahe übernatürlichen Fähigkeiten gebracht, wenn es darum ging, die Bedürfnisse seines Herrn vorauszusehen. »Hab mir bereits die Freiheit genommen.«
    »Brav«, sagte Doyle und zog einen Stift aus der Tasche. »Wie heißt der Bursche?«
    »Roger Thornhill.«
    Doyle nahm seinem loyalen Sekretär die Zeitschrift aus der Hand und kritzelte eine Widmung darauf – Für Roger - die Jagd ist im Gange! Arthur Conan Doyle –, während sie durch die Bahnhofstür drängten.
    »Immer noch reichlich Zeit«, sagte Innes ruhig.
    »Die Sache ist bloß«, bemerkte Larry, »wo ich ja nun das Getöse hab’ überschreien müssen, damit die Kutscher mich hören konnten, hat sich leider auch rumgesprochen, daß Sie kommen –«
    »Da ist er!«
    Und mit diesem Aufschrei drängten sich ungefähr fünfzig Leute, viele davon mit »Strand« -Heften in der Hand, um Doyle, als er zur Tür herauskam, eine undurchdringliche, lärmende Meute zwischen ihnen und ihrer Droschke – der Kutscher Roger stand oben auf dem Bock und schwenkte hektisch die Arme –, und im Hintergrund ragten, verlockend und unerreichbar, die Schlote der Elbe, deren Auslaufen wieder ein kleines Stück näher gerückt war.
    »Spiel, Satz und Sieg«, sagte Doyle zu Innes, bevor er sein Publikumsgesicht aufsetzte und mit gezücktem Stift in die anbrandende Menge hinauswatete, mit einem freundlichen Wort für jeden, der kam, und entschlossen, auf höllische Weise jeden Wunsch so schnell wie nur menschenmöglich zu erfüllen.
    Er kritzelte Unterschriften, erwiderte Grüße, ertrug Anekdoten (»Ich hab’ ’n Onkel in Brighton, der auch so ’ne Art Detektiv ist …«) und wies angebotene Amateurmanuskripte freundlich, aber fest zurück. Unterdessen verging eine halbe Stunde wie im Fluge. Die zehnminütige Droschkenfahrt zu den Docks verlief ohne Zwischenfall, ausgefüllt nur vom Monolog des Kutschers über dessen erstaunliches Glück, lauter Variationen zum Thema: »Wenn ich das mal erst meiner Frau erzähle …«
    Nach der Ankunft im Zollgebäude nahmen sie sämtliche Hürden des bürokratischen Hindernisreitens, das beim Verlassen des Mutterlandes zu absolvieren ist, mit einer derartigen Leichtigkeit, daß Doyle leise Enttäuschung verspürte: Er hatte mächtig Dampf aufgestaut, um den ersten Prinzipienreiter, der ihnen in die Quere käme, zu vernichten, und nun fand er keine Gelegenheit, ihn abzulassen.
    Hier stimmte etwas nicht; es ging zu leicht.
    So stand Doyle da, vor sich einen Beamten, seinen Paß in der einen, den Stempel in der anderen Hand; nur noch eine Hürde trennte ihn vom Ziel, und bis zum Auslaufen des

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