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Im Zeichen der Menschlichkeit

Im Zeichen der Menschlichkeit

Titel: Im Zeichen der Menschlichkeit
Autoren: Stefan Schomann
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KAPITEL 1 »Im Interesse der Wahrheit«
    Die Reisen des Henry Dunant
    Der Einsatz für die Humanität
ist die Demokratie des Guten.
    HENRY DUNANT
    Zwischen Kirche und Kanonen: Die erste Adresse des Roten Kreuzes, die Wohnung Henry Dunants in der kleinen Genfer Rue du Puits-Saint-Pierre, im Petersbrunnensträßchen also, sie könnte symbolträchtiger kaum sein. Gegenüber erhebt sich die Kathedrale Saint-Pierre, der Petersdom des Calvinismus. Wenige Schritte weiter lauern unter den Arkaden des Zeughauses fünf blank gewienerte Kanonen. Nebenan, im altehrwürdigen Rathaus, wurde im August des Jahres 1864 die Genfer Konvention unterzeichnet, die Grundlage des modernen Völkerrechts und die Initialzündung für die weltweite Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung. Zwölf Staaten einigten sich damals auf diesen Kodex »zur Linderung des Loses der im Felddienst verwundeten Militärpersonen«. Heute haben fast zweihundert Staaten das Abkommen ratifiziert.
    In kaum einem anderen Land, in kaum einer anderen Stadt hätte diese Initiative entstehen können. Auch wenn im Folgenden das Rote Kreuz in Deutschland im Mittelpunkt stehen soll – die entscheidende Neuerung der Bewegung war ihre Internationalität. Heute haben in Genf zwei Dutzend Weltorganisationen ihren Sitz, von den Pfadfindern über den Lutherischen Weltbund bis zur Fernmeldeunion. Sie alle haben sich dem Geist von Genf verschrieben, der mit dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz eine erste Ausprägung fand, die viele andere sich zum Vorbild nahmen. Sogar die zeitgleich gegründete Kommunistische Internationale zog es mit Macht nach Genf. Um Verwechslungen zu vermeiden, bezeichnete sich die Hilfsorganisation schließlich explizit als »Rotes Kreuz«. Bis dahin war sie meist einfach als »die internationale Gesellschaft« oder noch einfacher als »die Internationale« geläufig – es gab noch kaum andere. Die Signalfarbe Rot beanspruchen indes beide Bewegungen bis heute für sich.
    Gustave Moynier, nimmermüder Präsident des Komitees, hielt im Juli 1870 ein schwungvolles Plädoyer in eigener Sache: »Was das eigentlich Internationale der Rotkreuzgesellschaften ausmacht, ist dieser Geist der Menschenliebe, der sie herbeieilen läßt, wo immer Blut auf einem Schlachtfeld fließt. Sie sind ein lebender Protest gegen diesen rohen Patriotismus, der jedes Mitgefühl erstickt; sie arbeiten darauf hin, diese Barrieren aus dem Weg zu räumen, die vom Fanatismus und der Barbarei geschaffen wurden.« (Anmerkung des Autors: Bei Zitaten aus historischen Quellen wurde die damals gebräuchliche Rechtschreibung beibehalten.) Nur zwei Wochen später begann der Deutsch-Französische Krieg, in dem der »rohe Patriotismus« fröhliche Urständ feierte, das Rote Kreuz zugleich aber seine erste ganz große Bewährungsprobe erlebte. Nicht von ungefähr wurde Moynier später, noch über die Genfer Konvention hinaus, einer der Väter des Völkerrechts, indem er die Haager Landkriegsordnung vorbereitete.
    Bis heute wird Internationalität immer wieder als Patentrezept für Probleme aller Art betrachtet, auch wenn sie sich oft genug nur als deren Erweiterung erwiesen hat. Dennoch darf die Schaffung des Roten Kreuzes als ein Glücksfall der Geschichte bezeichnet werden. Es war die Ära der großen Weltausstellungen, der Hochindustrialisierung und des Imperialismus – der erste Durchlauf der Globalisierung, damals noch mit Europa als Zentrum. Genf wiederum lag in der Mitte Europas. Neben der Lage spielte aber auch die Sprache eine wichtige Rolle. Genf sprach Französisch, die Sprache der gebildeten Welt und der Diplomatie. Doch es gehörte eben nicht zu Frankreich, einer Großmacht, die sofort polarisiert hätte, sondern zur Schweiz, einem kleinen, aber potenten Land, das bereits in sich international war. Die Genfer Konferenzen kamen ohne Dolmetscher aus – die teilnehmenden Ärzte, Pastoren, Minister und Militärs beherrschten ganz selbstverständlich die »Lingua franca« des 19. Jahrhunderts. Zudem war Genf der rechte Ort für Utopien. Jean-Jacques Rousseau hatte hier mit seinem Gesellschaftsvertrag die Bedeutung des Gemeinwohls, der Menschenrechte und der Volksherrschaft eingeklagt. »Der eingeborene Widerwille, einen Mitmenschen leiden zu sehen«, galt ihm als Urgrund aller Humanität. Und schon 1830 hatte Jean-Jacques de Sellon in Genf eine der ersten Friedensvereinigungen der Welt begründet. Der Traum der Aufklärung, der Fortschritt der Menschheit durch Vernunft, war Mitte des 19.

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