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Im Wald der stummen Schreie

Im Wald der stummen Schreie

Titel: Im Wald der stummen Schreie
Autoren: Jean-Christophe Grange
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lockerte seine Krawatte und rieb sich die Hände an den Hosenbeinen trocken.
    »Diesmal wollen die Bewohner des Mietshauses mit Unterstützung der VOB die Durchführung von Sanierungsmaßnahmen zivilrechtlich einklagen. Sie reagieren noch immer nicht. Stimmt das?«
    Der Mann räusperte sich und murmelte:
    »Diese Familien hatten Anträge auf Neuunterbringung gestellt. Die Stadt Nanterre sollte sich um sie kümmern. Wir wollten mit den Sanierungsarbeiten beginnen, sobald sie ausgezogen waren.«
    »Wissen Sie, wie lange die Bearbeitung solcher Anträge dauert? Wollten Sie warten, bis alle tot sind, ehe Sie etwas unternehmen?«
    »Wir verfügten nicht über die notwendigen Mittel, um sie anderweitig unterzubringen.«
    Jeanne musterte ihn einen Augenblick. Hochgewachsen, breite Schultern, Markenanzug, lockiges graues Haar, das in alle Richtungen von seinem Kopf abstand. Ungeachtet seiner stattlichen Erscheinung wirkte Jean-Yves Perraya unscheinbar und farblos. Ein Rugbyspieler, der sich am liebsten unsichtbar gemacht hätte.
    Sie öffnete eine zweite Aktenmappe.
    »Zwei Jahre später, 2003, wird ein Gutachten erstellt. Das Ergebnis ist besorgniserregend. Die Wände der Wohnungen sind mit Bleiweißfarbe gestrichen, die seit 1948 verboten ist. Unterdessen sind vier weitere Kinder des Mietshauses in die Klinik eingewiesen worden.«
    »Die Arbeiten waren geplant! Die Stadt sollte uns helfen.«
    »In dem Bericht ist auch von Gesundheitsgefährdung die Rede. Sämtliche Sicherheitsvorschriften wurden missachtet. Keine der Wohnungen, bei denen es sich in Wirklichkeit um Einzimmer-Appartements handelt, ist größer als zwanzig Quadratmeter und keine verfügt über sanitäre Einrichtungen. Und dies bei Mieten, die über 600 bis 700 Euro betragen. Wie groß ist Ihre Wohnung am Boulevard Suchet, Monsieur Perraya?«
    »Darauf möchte ich nicht antworten.«
    Jeanne bereute diesen persönlichen Angriff. Sich immer an die Fakten halten . Sie fuhr fort:
    »Einige Monate später, im Juni 2003, stirbt ein weiteres Kind aus der Avenue Georges-Clemenceau 6 an Bleivergiftung. Sie haben die Wohnungen noch immer nicht besichtigt, um den Sanierungsaufwand abzuschätzen.«
    »Wir waren vor Ort.«
    Sie breitete die Arme aus.
    »Wo sind die Berichte? Wo sind die Kostenvoranschläge der Firmen? Von Ihrem Büro haben wir nichts dergleichen bekommen.«
    Perraya fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Trocknete sich abermals die Hände an seiner Hose ab. Grobe, schwielige Hände. Dieser Typ kommt vom Bauhandwerk, dachte Jeanne. Er wusste also, worum es ging.
    »Wir haben die Giftbelastung nicht als so gravierend eingeschätzt«, log er.
    »Obwohl Ihnen das Gutachten und die Laborbefunde der Opfer vorlagen?«
    Perraya knöpfte sein Hemd auf.
    Jeanne blätterte eine Seite um und fuhr fort:
    »›Wegen dieser Todesfälle und der lebenslänglichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen hat das Berufungsgericht von Versailles in seinem Urteil vom 23. März 2008 den Opfern eine finanzielle Entschädigung zuerkannt.‹ Die betroffenen Familien wurden endlich entschädigt und anderweitig untergebracht. Gleichzeitig gelangten die Sachverständigen zu dem Schluss, dass es sich nicht lohne, an Ihrem Gebäude Renovierungsarbeiten durchzuführen, da es zu alt sei. Im Übrigen kam heraus, dass Sie in Wirklichkeit die Absicht hatten, es abzureißen, um dort ein Bürogebäude zu errichten. Ironischerweise wird Ihnen die Stadt Nanterre beim Abriss und Wiederaufbau des Gebäudes in der Avenue Georges-Clemenceau 6 finanziell unter die Arme greifen. Diese Angelegenheit hat Ihnen also ermöglicht, ihre Ziele zu erreichen.«
    »Damit habe ich nichts zu tun. Ich bin nur der Chef der Hausverwaltung.«
    Jeanne ging nicht auf diese Bemerkung ein. In ihrem Dienstzimmer war es mittlerweile brütend heiß. Die Sonne brannte durch das große Glasfenster, die Wärme breitete sich im Zimmer aus wie Öl in einer Fritteuse. Am liebsten hätte sie Claire gebeten, die Jalousie herunterzulassen, aber die Gluthitze war ein Element der Vernehmung ...
    »Es hätte damit sein Bewenden haben können«, fuhr sie fort, »aber mehrere Familien haben mit Unterstützung zweier Organisationen, der Médecins du Monde und der VOB, Anzeige gegen Sie und die Eigentümer erstattet. Es geht um fahrlässige Tötung.«
    »Wir haben niemanden umgebracht!«
    »Doch. Das Gebäude und die Anstriche waren die Tatwaffe.«
    »Das haben wir nicht gewollt!«
    » Fahrlässige Tötung . Der Ausdruck ist

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