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Im Sog Des Boesen

Titel: Im Sog Des Boesen
Autoren: John Sandford
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EINS
    I rgendetwas stimmte nicht. Sie glaubte, ein kaltes Flüstern des Bösen zu vernehmen.
    Das Gebäude aus Glas, Stein und Redwood-Holz, ein Überbleibsel aus den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, knarrte an allen Ecken und Enden; nicht jedes Spukhaus stammte aus der viktorianischen Ära. Nachts spürte sie manchmal einen kühlen Luftzug, als wäre jemand oder etwas vorbeigehuscht. Das Gefühl jetzt jedoch war anders - aber was genau es war, konnte sie nicht sagen.
    Sie spielte mit dem Gedanken, zur Garage zurückzugehen.
    »Ist da wer?«, rief sie. Keine Antwort, nur ihr Echo.
     
    Im Haus war es dunkel, abgesehen vom Licht der Schreibtischlampen im vorderen Raum und im Arbeitszimmer, die sich bei Einbruch der Dunkelheit selbsttätig einschalteten. Sie hörte die Geräusche des Heizkessels. Die Härchen an ihren Unterarmen und im Nacken stellten sich auf.
    Sie blickte nach rechts. Das Licht am Kontrollschalter der Alarmanlage leuchtete, ohne zu blinken, was bedeutete, dass die Anlage ausgeschaltet war. Ihre Ahnung bestätigte sich: Hier stimmte etwas nicht. Wenn sich niemand im Haus aufhielt, sollte der Alarm eingeschaltet sein.
    In der Garage ging sie um den Jaguar herum zum Mercedes, öffnete die Fahrertür und griff unter den Sitz, um die Ladysmith.38 herauszuholen.
    Dann lauschte sie, die Waffe kühl und schwer in ihrer Hand.
Sie hörte nicht einmal mehr das Brummen des Heizkessels. Nur der Motor des Mercedes gab beim Abkühlen Geräusche von sich, und das Deckenlicht der Garage brannte. Sie sah zur Tür. Etwas stimmte nicht, aber das Haus fühlte sich leer an.
    Ihre Nase zuckte, sie roch die Abgase des Wagens und noch etwas anderes, Fremdes: keinen Schweiß, kein Parfüm, etwas Organisches - vielleicht Fleisch?
    Sie hatte die Handtasche mit dem Handy über der Schulter. Sollte sie die Polizei rufen? Was würde sie den Beamten sagen? Dass etwas nicht stimmte? Dass etwas merkwürdig roch? Sie würden sie für verrückt halten.
    Sie legte die Tasche auf die Kühlerhaube des Jaguar und streckte die Arme mit der Waffe vor sich aus, wie sie es gelernt hatte. Sie war durchtrainiert, schwamm, tanzte, betrieb Kampfsport, hob Gewichte, machte Pilates und Yoga, beherrschte ihren Körper. Und im Schießunterricht hatte sie immer ins Schwarze getroffen.
    Ihr Lehrer, ein früherer Polizist, war beeindruckt gewesen und hatte ihr gesagt, dass fast alle Schießereien übel ausgingen.
    »Wichtiger, als ein Ziel aus sieben Meter Entfernung zu treffen, ist es, die Probleme zu lösen, die sich daraus ergeben, dass man eine geladene Waffe in der Hand hält«, hatte er erklärt. »Man hat nicht viel Zeit, sich darüber klar zu werden, was läuft, und zu entscheiden, ob man schießen soll oder nicht - eine Zehntelsekunde in der Dunkelheit. Man möchte ja schließlich kein Kind oder den Nachbarn treffen, sondern den Junkie, der einem mit einem Messer auflauert.«
     
    Ein Nachbar wäre mit Sicherheit nicht im Haus, denn in dem Viertel blieben die Leute unter sich. Ihr Freundeskreis bestand aus Geschäfts- und Schulfreunden, die nicht aus der Gegend stammten. Und die Haushälterin war längst gegangen.

    Vielleicht ihre Tochter? Frances kannte den Code der Alarmanlage, meldete sich aber normalerweise an, bevor sie kam.
    Sie rief: »Francie?«
    Stille.
    Noch einmal, lauter: »Fran? Bist du da?«
    Sie begann, sich albern zu fühlen; eine Weisheit ihres Schießlehrers fiel ihr ein: »Sobald man anfängt, sich dumm vorzukommen, haben sie einen. Wenn man genug Angst hat, die Waffe zu ziehen, ist man in einer so ernsten Situation, dass man sich nicht schämen muss.«
    An das Wort erinnerte sie sich genau: »schämen«. Schämte sie sich?
     
    Sie trat an die Tür, die Waffe mit ausgestreckten Armen vor sich. »Frances, ich habe eine Pistole. Bitte spring nicht raus, falls das ein Scherz sein sollte. Frances?«
    Sie löste die Linke von der Waffe und knipste das Licht an. Der Flur war leer, und, soweit sie das sehen konnte, auch die Küche. Sie ging ins Haus, das sich immer noch merkwürdig anfühlte.
    Wieder bekam sie eine Gänsehaut. Sie schaltete die Küchenlichter ein, so dass der Raum hell erleuchtet war wie eine Bühne. Sie blickte zurück in Richtung Garage.
    Etwas stimmt nicht , sagte ihr Instinkt.
    »Frances? Fran? Bist du hier? Helen, sind Sie noch da?« Helen, die Haushälterin.
    Keine Reaktion. Sie machte sich auf den Weg durchs Haus. Nach einer Weile wusste sie, dass sie allein war. Es lag keinerlei Spannung in

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