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Im Schloss der schlafenden Vampire

Im Schloss der schlafenden Vampire

Titel: Im Schloss der schlafenden Vampire
Autoren: Stefan Wolf
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teurer.“
    „Bin gespannt“, meinte Tim und
legte den Arm um Gabys Schultern.
    Draußen glitt die
Spätsommer-Landschaft vorbei: tiefgrün unter einem mit Wolken verhangenen
Himmel. Kühe auf den Weiden. Wenige Autos auf den Landstraßen. Ab und zu
geschlossene Schranken. In Klagenbühl leerte sich der Zug, der ohnehin kaum
gefüllt war. Auf den Feldern hockten Greifvögel — Bussarde hauptsächlich. Auf den
Anhöhen drehten Windmühlen für Energiegewinnung ihre glänzenden Flügel.
    Dann führten die Bahngleise am
See entlang — am See Prinzenruh, der größtenteils — wie auch das Umland —
Naturschutzgebiet ist. Sonnenstrahlen schossen durch ein Wolkenloch und beglänzten
die Wasserfläche. Sie war nicht riesig, aber Tim schätzte, dass er ziemlich
lange brauchen würde, um an breitester Stelle von Ufer zu Ufer zu kraulen. Wind
bog die Schilfhalme und eine schmale Straße aus Richtung Prinzenruh endete
hier: etwa 50 Meter vor dem Ufer an einem Wendeplatz. Von dort führte ein
Holzsteg mit Geländer über offenbar sumpfige Feuchtwiese zum See.
    Der Wendeplatz war leer. Aber
in diesem Moment machte Tim eine Entdeckung.
    Gaby, Karl und Klößchen
achteten nicht darauf, blickten nämlich nicht in die Landschaft, sondern
unterhielten sich über Julias unglückliche Liebe: über einen gewissen Steffen,
der Chemie studierte und Fledermäuse auf den Tod nicht leiden konnte. Daran war
die Beziehung zerbrochen. Denn Steffen hatte von seiner Ex-Freundin gefordert:
Entweder die Fledermäuse oder ich! Was die drei natürlich als charakterlos und
tierfeindlich einstuften. Und Julia hatte sich richtig entschieden, nämlich für
die fliegenden Säugetiere.
    Tim starrte hinaus und schob
den Kopf vor — an Gaby vorbei Richtung Fenster.
    War der Typ durchgedreht? Der
führte sich ja auf wie Rumpelstilzchen mit Hornissen in der Hose. Der Mann
schrie offensichtlich, rannte herbei vom See über den Holzsteg, sprang hoch
trotz seiner 100 Kilo Lebendgewicht, fuchtelte mit den Armen wie ein
Florettfechter gegen ein Mücken-Geschwader, drohte fäustig, war krebsrot im
Gesicht — und der Zug dann vorbei.

    „Habt ihr den gesehen?“ Tim war
verblüfft.
    „Wen?“
    Tim beschrieb die
Drei-Sekunden-Szene.
    „Vielleicht hat ihn eine
Kreuzotter gebissen“, mutmaßte Klößchen.
    „Er sah aus wie ein Angler“,
sagte Tim. „Hohe Gummistiefel, wasserabweisende Hose und Anglerhut. Rotes
Klopsgesicht. Etwa 50 Jahre und Übergewicht trotz beachtlicher Größe.
Vielleicht hat man sein Auto geklaut. Denn auf dem Parkplatz war keins. Und bis
Prinzenruh — das sind noch... Nee! Sowas erwandert ein speckbäuchiger Angler
nicht mal im Notfall.“
    „Jaja, die Autodiebe“, nickte
Karl. „Die gibt’s nicht nur bei uns in der Stadt.“

2.
Kindesraub — aus Versehen
     
    Geschafft! Wieder mal! Konrad
Vogt grinste zufrieden und beschleunigte den SXX-Touringwagen, ein Luxusmodell
mit holzgetäfeltem Armaturenbrett und Büffelledersitzen. Die Außenlackierung
war dschungelgrün. Als er zum Spaß die Hupe benutzte, schien ein Elefant
Posaune zu blasen.
    Konrad grinste noch
zufriedener. Vor vier Minuten hatte er den Wagen gestohlen — diesen sportlichen
Touring, mit dem Landlords zur Jagd fahren, zum Angeln, zum Golfen oder
wenigstens zum Picknick im schönen Wiesengrunde. Konrad wusste, wem der Wagen
gehörte, hatte am Wendeplatz beim See gelauert — sich im Schilf versteckt,
hatte die 12-km-Strecke bis hierher fußläufig auf sich genommen und dann gewartet.
Bis Fritz Heymwacht kam. Hühnerfutter-Heymwacht, ein steinreicher Fabrikant,
der Freitagmittag bei jedem Wetter zum Angeln fuhr.
    So auch heute. Heymwacht kam,
parkte und schleppte sein Angelzubehör über den Holzsteg zum See. Der Wagen
wurde nicht abgeschlossen. Welcher Leichtsinn! Zwei Fenster standen offen. Und -
Wahnsinn! — sogar der Zündschlüssel steckte.
    Noch mal hupen! Hahah! Konrad
genoss die Geschwindigkeit. Der Wagen schoss über die Landstraße Richtung Dorf
Prinzenruh.
    Konrad Vogt, 36, war früher
Friedhofsgärtner gewesen. Aber das hatten seine Bandscheiben auf die Dauer
nicht vertragen. Dieses lästige Bücken! Die Gräber, die er pflegen sollte,
verkamen. Zoff, Rausschmiss, arbeitslos — jetzt jobbte er als Autodieb für
einen kriminellen Kfz-Händler, der östliche Länder mit geklauten Fahrzeugen
belieferte. Seitdem verdiente Konrad fünfmal soviel wie vorher und hatte immer
saubere Fingernägel, allerdings keine saubere Weste.
    Er hupte — völlig sinnlos.

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