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Im Schatten des Elefanten

Im Schatten des Elefanten

Titel: Im Schatten des Elefanten
Autoren: Elio Vittorini
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Band 02 der Bibliothek Suhrkamp

    Elio Vittorini  
Im Schatten des Elefanten

    Suhrkamp Verlag
    Titel der italienischen Originalausgabe: Il Sempione strizza l’occhio al Frejus 
    Deutsch von Otto Eugen Zöller

    Erstes bis fünfes Tausend dieser Ausgabe 963
    Lizenzausgabe mit freundlicher Genehmigung des Claassen Verlags, Hamburg. Alle Rechte vorbehalten. Copyright 949 by Classen & Goverts GmbH, Hamburg. Printed in Germany. Satz und Druck in Garamond Linotype Antiqua von MZVerlagsdruckerei GmbH, Memmingen. Buchbindearbeiten Hans Klotz, Augsburg

Im Schatten des Elefanten

    Ein Haus voll Menschen sind wir daheim, und der einzige von allen, der arbeitet und etwas verdient, ist mein Bruder Euklid. Ich bin seit langem arbeitslos; der Mann meiner Mutter war bereits ohne Arbeit, als sie ihn letzten Herbst zu sich ins Haus genommen hat; meine Schwester, welche Verkäuferin war, ist diesen Sommer entlassen worden; und so sind wir alle, mitsamt meinem Großvater, auf das bißchen angewiesen, was mein Bruder Euklid bei seinem Chef, einem Mechaniker, mit Fahrradreparaturen verdient.
    Alle Samstagabend bringt er sein Geld nach Hause; meine Mutter nimmt es entgegen, setzt sich hin und zählt es in die Schürze.
    »Wißt ihr«, sagt sie, »wieviel davon für Brot gebraucht wird?«
    Meines Bruders Mädel läßt kein Auge von ihr. »Wieviel?« fragt sie.
    Und meine Mutter: »Das alles da.«
    Des Mädchens Name ist Anna. »Das wollen wir mal sehen«, sagt Anna.
    »Wieso denn?«
    So geht es bei uns alle Samstagabend. Wir hausen ganz an der Peripherie, das Wäldchen von Lambrate vor der Küchentür, und von dahinten kommt der Abend zu uns herein, als befänden wir uns mitten auf dem Lande. Auf dem eigentlichen Lande aber sind wir nie gewesen; mein Großvater war Maurer und hat – vor und nach der Jahrhundertwende – an fast allen Bauwerken gearbeitet, durch die unsere Stadt groß geworden ist, und ihm wendet meine Mutter ihre Blicke zu. »Habt ihr denn gar keine Augen für ihn?«
    Anna betrachtet ihn, mein Mädel betrachtet ihn, und Euklid und ich betrachten ihn auch.
    »Seht ihr nicht, was für einen Umfang er hat?« fährt meine Mutter fort.
    Wir können es nicht leugnen … Der Mann sitzt in seinem Sessel, hat seinen Stock in der Hand, und sein Kopf schon ist massig, mit dem weißen Haar und dem weißen Barte.
    Auf dem Stockgriff sehen wir seine Hände. »Eine Eisenstange nahm er«, hat uns meine Mutter erzählt, »und konnte sie ohne weiteres mit den Händen zur Spirale biegen.«
    Wie Astknorren sind die Knöchel auf seinen Fingern. Jetzt bringt er es nicht mehr fertig, sie völlig auszustrecken oder durchzukrümmen, er kann nicht mehr fest zupacken und ebenso bringt er, wenn er aufsteht, seinen Rücken nicht mehr ganz gerade. Aber er steht nur auf, um sich bis zum Tisch oder bis ans Bett zu schleppen. Er ist wie ein Elefant, sagt meine Mutter. Er sitzt in seinem Sessel, die Beine übereinandergeschlagen – das Knie gleicht einem Baumstumpf –, den Stock zwischen beiden Händen, sein Kopf lastet schwer und ist gebeugt, – unter den Brauen die stets geschlossenen Augen. Er sitzt gegen die sperrweit geöffnete Tür, die von der Küche zum Park von Lambrate, dem Wäldchen, hinführt; der Abend kommt deshalb, während wir reden, über seine Schultern weg zu uns herein, mit dem ersterbenden Grün der Bäume und ihrem Duf. Er ist wie ein Elefant, kann meine Mutter schon sagen. Und seitdem meine Mutter das sagt, denken wir alle, daß er es sei, – denken aber nicht, inwiefern er es sein mag; denken in unserer Kindheit an die Elefanten des Pyrrhus, an die Elefanten des Hannibal; oder denken an einen von einem Zirkus, den wir nachher gesehen haben, wie er mit Plakaten an den Seiten durch die Straßen zog; und denken an die Eigenschafen, welche man diesen Tieren nachrühmt …

    2

    So sagt denn meine Mutter vom Brot: »Für ihn allein geht jedesmal, wenn er ißt, ein halbes Kilo drauf.«
    Und Anna: »Siehst du’s?«
    Und meine Mutter: »Einen Dreck sehe ich. Wollen wir, daß er essen soll, oder wollen wir’s nicht?« »Daß er essen soll, daß er essen soll«, sagt Anna. »Aber jedesmal ein halbes Kilo, das sind anderthalb Kilo den Tag.«
    »Was sind schon anderthalb Kilo für ihn?« ruf meine Mutter aus. Sie springt zum Großvater hin und rüttelt ihn. »Sag’s denen«, schreit sie ihn an. »Sag’s denen!«
    Mein Großvater erhebt langsam sein Gesicht; es ist verwundert; es ist sanfmütig.
    »Wieviel Kilo hast du so

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