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Im Land des Regengottes

Im Land des Regengottes

Titel: Im Land des Regengottes
Autoren: Gina Mayer
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1
     
    Ich frage mich oft, was geschehen wäre, wenn ich meiner Mutter den zweiten Brief nicht gegeben hätte. Wenn ich ihn in kleine Stücke zerrissen oder verbrannt hätte. Vielleicht wären wir dann heute noch Kohlstraßer und meine Mutter wohnte immer noch in unserem kleinen Fachwerkhaus mit der grauen Schieferfront und den grünen Fensterläden. In Elberfeld im Wuppertal. Ich wäre wahrscheinlich schon verheiratet wie Trude, ein Kind und das zweite unterwegs.
    Vermutlich wäre Mutter noch am Leben.
    Wenn ich den Brief damals weggeworfen hätte.
    Sie hat sich nur meinetwegen auf die Sache eingelassen. Wegen dieser dummen Lügengeschichte, die ich ihr damals aufgetischt hatte. Sie muss nächtelang wach gelegen und darüber nachgegrübelt haben, ob wir es tun sollten. Oder lieber nicht.
    In der einen Waagschale lag die Kohlstraße.
    In der anderen lag ich. Meine Zukunft, mein Schicksal. Ich wog ganz offensichtlich schwerer, deshalb sind wir aufgebrochen.
    Die Kohlstraße? Ihre Zukunft? Ihr Schicksal? Wer soll denn einen solchen Wirrwarr verstehen, würde Fräulein Hülshoff jetzt bestimmt fragen, wenn sie diese Zeilen lesen könnte. Warum erzählen Sie nicht alles hübsch ordentlich der Reihe nach?
    Als ob das so einfach wäre. Mein Leben, hübsch der Reihe nach. Aber gut, ich will es zumindest versuchen.
    Meine Geschichte beginnt am 27. Oktober 1899. An dem Morgen, als der zweite Brief kam.
    »Schon wieder Post aus Afrika«, sagte Jupp, unser Postbote, der die Briefe am liebsten nicht nur ausgetragen, sondern gleich gelesen hätte, aber das verboten ihm seine Ehre und das preußische Postrecht.
    »Na so was«, sagte ich und versuchte, dabei so gleichgültig auszusehen, als wäre ein Brief aus Afrika für mich wirklich ganz alltäglich. Als er weg war, schnupperte ich an dem Umschlag. Man müsste doch irgendetwas riechen! Etwas Süßes, Scharfes, Würziges, Blumiges, Wildes oder Exotisches. Einen Hauch von Afrika. Aber das Kuvert roch nur nach Papier.
    Ich schloss die Augen und stellte mir eine weite Steppe vor, über die weich der Wind wogte. Zwei Giraffen ästen im Grasmeer. Dahinter ein Löwe, der zum Sprung ansetzte. Die Luft zitternd vor Hitze.
    »Jette!«
    Die Stimme meiner Mutter hallte durch die afrikanische Steppe. Die Giraffen schreckten auf und galoppierten davon. Der Löwe verschwand im Nichts.
    Ich machte die Augen wieder auf. »Ich komme ja schon.«
    Die Nähstube lag im Dämmerlicht wie eine Höhle. Hinter Wäsche- und Kleiderbergen saß meine Mutter am Fenster, über eine Damenbluse gebeugt. Die Nadel in ihrer Hand tauchte in den weißen Stoff ein und ein paar Millimeter dahinter wieder auf, ein, auf, ein, auf, ohne dass meine Mutter den Faden zwischendurch straffte. Erst am Ende würde sie alles festziehen, eine perfekte Linie aus gleich langen Stichen. Wie der weiße Scheitel, der sich durch ihr straff nach hinten gekämmtes Haar zog.
    »Da ist wieder ein Brief aus Afrika gekommen.«
    Wie ich mir wünschte, dass sie aufgeregt aufgesprungen wäre! Was, aus Afrika, gib sofort her! Aber stattdessen – keine Regung. Sie hob nicht einmal den Kopf. Die Nadel tauchte in den Stoff, auf und ein, auf und ein.
    »Leg ihn dorthin.« Ein kurzes Nicken zu einem Stapel zerrissener Hosen, das war alles.
    »Willst du ihn nicht lesen?« Bitte, bitte, lies ihn mir vor.
    »Später.«
    »Aber es ist bestimmt …« Wichtig, wollte ich noch hinzufügen, aber jetzt sah sie mich doch an. Ihre dunklen Augen glitzerten gefährlich wie die der Katze auf dem Kratzkopp, wenn man ihr eine halb tote Maus wegnimmt, mit der sie gerade spielt.
    »Wenn du nichts zu tun hast, kannst du mir helfen. Nimm dir eine Stopfarbeit und setz dich zu mir.« Ihre Stimme war ganz leise und ruhig. Aber davon durfte man sich nicht täuschen lassen. Wenn ich jetzt nicht höllisch aufpasste, würde ich die nächsten Stunden damit verbringen, Socken zu flicken, noch einen und noch einen und noch einen, aber egal, wie viele man stopfte, der Sockenkorb neben der Tür wurde niemals leerer.
    »Frau Künstner wollte, dass ich noch bei ihr vorbeikomme«, rief ich.
    Ihre Augen bohrten sich in meine, es tat richtig weh. Ich senkte den Blick. »Meinetwegen. Aber halt dich nicht zu lange auf. Ich brauche deine Hilfe hier, sonst schaffe ich die Aufträge nicht.«
    Ich warf einen letzten sehnsüchtigen Blick auf den Briefumschlag, der weiß und verheißungsvoll zu mir herüberleuchtete. Wenn ich doch nur wüsste …
    »Ich dachte, du hast es so eilig?«,

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