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Im Dunkel des Deltas (Detective Dave Robicheaux) (German Edition)

Im Dunkel des Deltas (Detective Dave Robicheaux) (German Edition)

Titel: Im Dunkel des Deltas (Detective Dave Robicheaux) (German Edition)
Autoren: James Lee Burke
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1
    Die Familie Giacano hatte sich bereits zu Zeiten der Prohibition sämtliche schwarzen Geschäfte in den Bezirken Orleans und Jefferson unter den Nagel gerissen. Freibrief und Genehmigung dafür kamen natürlich von der Kommission in Chicago, und kein anderer Familienclan traute sich jemals, in ihr Revier einzudringen. Seither waren Prostitution, Hehlerei, Geldwäscherei, Glücksspiel, Kreditwucher, Arbeitsvermittlung und sogar das Wildern in Südlouisiana ihre ureigene Domäne. Kein Nepper, Schlepper, Bauernfänger, kein Einbrecher, Dieb, Lockvogel oder Straßenlude stellte das jemals in Frage, es sei denn, er wollte sich auf Kassette anhören, was Tommy Figorelli (auch bekannt als Tommy Fig, Tommy Fingers, Tommy Five) zum Winseln der Elektrosäge zu sagen hatte, kurz bevor er gefriergetrocknet und in Einzelteilen an den hölzernen Ventilatorblättern in seiner eigenen Metzgerei aufgehängt wurde.
    Deshalb war Sonny Boy Marsallus, der in der Sozialsiedlung in Iberville aufgewachsen war, als dort noch lauter Weiße wohnten, in den siebziger und achtziger Jahren eine Art Wunder gewesen. Er beteiligte sich nicht am Geschäft, ließ sich weder auf Zuhälterei noch auf Drogen- oder Waffenhandel ein, und er sagte dem fetten Alten, Didoni Giacano persönlich, daß er zu den Weight Watchers gehen oder sich für die Rettung der Wale einsetzen sollte. Ich sehe ihn immer noch vor mir, wie er an einem gleißend blauen Spätnachmittag im Frühling, als die Palmwedel im Wind knatterten und die Straßenbahn klingelnd auf dem Mittelstreifen vorbeifuhr, knapp unterhalb des alten Jung-Hotels draußen auf dem Gehsteig stand, die Haut makellos wie Milch, die bronze-roten Haare leicht eingeölt und seitlich nach hinten gekämmt, und wie immer irgendein Spiel laufen hatte – Crap oder Bourre um hohe Einsätze, wenn er nicht draußen auf der Rennbahn irgendwelche schmutzigen Gelder aus Jersey wusch, einschlägig bekannte Rückfalltäter, die kein von Amts wegen zugelassener Winkeladvokat mit der Beißzange angefaßt hätte, auf Kaution rauspaukte oder zinslos Geld an Mädels verlieh, die aussteigen wollten.
    Genaugenommen lebte Sonny den Ehrenkodex vor, den der Mob für sich in Anspruch nahm.
    Aber zu viele Mädels stiegen mit Sonnys Geld in den nächsten Greyhound und verließen New Orleans, als daß ihn die Giacanos weiter gewähren lassen konnten. Seinerzeit ging Sonny außer Landes, nach Süden, wo er den Auftakt des großen Theaters, das die Reagan-Regierung in El Salvador und Guatemala veranstaltete, aus erster Hand miterlebte. Clete Purcel, mein alter Partner bei der Mordkommission im First District, hatte da unten mit ihm zu tun gehabt, als er seinerseits wegen Mordes auf der Flucht war, aber er wollte nie darüber reden, was sie dort getrieben hatten oder woher die seltsamen Gerüchte stammten, die über Sonny im Umlauf waren: daß er vor lauter
Muta, Pulche 
und psychedelischen Pilzen verrückt geworden wäre, sich linken Terroristen angeschlossen, eine Zeitlang in einem  Dreckloch in Nicaragua im Knast gesessen hätte, mit guatemaltekischen Flüchtlingen in Südmexiko arbeitete oder in einem Kloster in Jalisco sei. Wie man’s auch drehte und wendete, einem Halbseidenen von der Canal Street, der Narben an den Augenbrauen hatte und mit klingender Münze beschwingt durch die Welt schritt, sah das überhaupt nicht ähnlich.
    Deshalb war ich überrascht, als ich hörte, daß er wieder in der Stadt war, im Geschäft mitmischte und seine Spiele im Pearl einfädelte, wo die alte, grüngestrichene eiserne Straßenbahn von der St. Charles Avenue in die bonbonbunte, von windzerzausten Palmen bestandene Glitzerwelt an der Canal Street einbog. Als ich ihn zwei Querstraßen weiter in einem im Neonlicht flimmernden Tropenanzug und einem lavendelfarbenen Hemd vor einem Spielsalon herumhängen sah, wirkte er wie eh und je, so als wäre er nie unter südlicher Sonne gewesen, hätte sich niemals mit einem M-60 oder schwerem Marschgepäck durch den Dschungel geschleppt, wo man sich abends die Blutegel mit Zigaretten aus der Haut brannte und tunlichst nicht an den strengen Geruch dachte, der aus den fauligen Socken aufstieg.
    Schwarze Poolspieler lehnten an den Parkuhren und lungerten vor den Läden herum, Musik dröhnte aus den Ghettoblastern.
    Er schnippte mit den Fingern, klatschte in die Hände und zwinkerte mir zu. »Wie läuft’s denn so, Streak?« sagte er.
    »Nichts los, Sonny. Hast du immer noch nicht genug von

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