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Im Auge der Sonne: Roman (German Edition)

Im Auge der Sonne: Roman (German Edition)

Titel: Im Auge der Sonne: Roman (German Edition)
Autoren: Barbara Wood
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Familie zu beanspruchen und mich nie wieder vertreiben zu lassen wie in jener verhängnisvollen Nacht, als Jericho fiel …

ERSTES BUCH

1
    »Woran denkst du, Großmutter?«
    Als sie keine Antwort erhielt, drehte Leah sich um. »Großmutter?«
    Avigail riss sich aus ihren Gedanken. Es war eine Nacht im Frühjahr, und in der Ferne grollte Donner. Jedes Jahr, wenn Frühlingsgewitter über Ugarit niedergingen, musste sie an jene furchtbare Nacht denken. Damals, als Jericho fiel. Vor so vielen Jahren und doch in ihrer Erinnerung noch so deutlich, als wäre sie erst gestern aus der Stadt geflohen.
    Avigail betrachtete das kleine Fruchtbarkeitsamulett aus fein gehämmertem Gold in ihrer Hand, in das über zwei Brüsten und einem Schamhügel das Gesicht einer Frau eingraviert war – die vertrauten Züge von Qadesch, der Heiligen Hure, Göttin der Liebe und sinnlichen Freuden. Ein Glücksbringer, der sicherstellen sollte, in arglosen Männern Leidenschaft zu entfachen, und Avigail hoffte, dass er heute Abend bei Jotham, dem wohlhabenden Schiffbauer, Wirkung zeigte.
    Die Bürger von Ugarit verehrten die Göttin. Als Allerhöchster wurde zwar El, der Gott Jerichos, gepriesen, aber er war nicht Ugarits einzige Gottheit. Seit langem mit einem Anhänger Baals verheiratet, hatte Avigail im Laufe der Zeit gelernt, zu den vielen Gottheiten des nördlich gelegenen Kanaan zu beten.
    »In Gegenwart unseres Gastes«, sagte sie zu ihrer Enkelin, als sie Leah das Amulett in den Gürtel schob, »hältst du die Augen gesenkt. Jotham wird dich prüfend anschauen, und wenn dein Blick sich mit seinem kreuzt, wird er das als ungehörig werten und gekränkt sein. Sprich nicht, zapple nicht herum. Halt die Hände still und dein Gesicht verborgen.«
    »Ja, Großmutter«, murmelte Leah. Ihr Herz klopfte. Von einem der reichsten Männer in Ugarit auserwählt zu sein! Und dies zu einem Zeitpunkt, da sich ihre Eltern bereits Sorgen machten, dass kein Mann um sie anhalten würde. Mit achtzehn hatte Leah das gängige Verlobungsalter bereits überschritten. Sie war einem jungen Mann aus einer anderen Familie versprochen gewesen und hätte ihn im vergangenen Sommer auch geheiratet, wenn er nicht von dem Fieber, das damals in der Stadt grassierte, dahingerafft worden wäre. Leah hatte schon befürchtet, als alte Jungfer zu enden, wäre es nicht zu dieser unerwarteten Kontaktaufnahme aus dem Hause Jotham gekommen.
    Und jetzt herrschte im Haus von Elias geschäftiges Treiben. Familienmitglieder und Dienerschaft überstürzten sich vor Eifer in Erwartung der Ankunft eines solch erlauchten Gastes.
    Leah und ihre Großmutter hielten sich in dem den Frauen vorbehaltenen Trakt der palastartigen Villa auf, einer in sanftes Licht getauchten abgesonderten femininen Welt mit lichtdurchlässigen Vorhängen, die sich in der Frühlingsnacht sanft bewegten, wo sich süßer Blumenduft mit dem zarten Parfüm der Frauen mischte und das Klimpern von Armreifen an schlanken Handgelenken mit dem Plätschern von Springbrunnen.
    Mit den festlichen Vorbereitungen waren zwei weitere Frauen sowie zwei junge Mädchen beschäftigt: Leahs Mutter Hannah, die betagte Tante Rakel sowie Leahs jüngere Schwestern Tamar und Esther, die alle Leah beim Ankleiden halfen, bei der Auswahl des Schmucks und beim Schminken.
    »Wenn du unseren Gast bedienst«, fuhr Leahs Großmutter fort, »bring durch deine Haltung Unterwürfigkeit und Demut zum Ausdruck. Zeig ihm, dass du ihm eine gehorsame Ehefrau sein wirst. Und vergiss nicht, dass eine gute Ehefrau niemals spricht, es sei denn, das Wort wird an sie gerichtet.«
    Avigail hielt inne, um zur Beruhigung ihrer Nerven einen Schluck Wein zu nehmen. Noch war über die Heirat keine Einigung erzielt worden. Im Verlauf zahlreicher Nachrichten von Jotham, dem wohlhabenden Schiffbauer, an Elias, dem erfolgreichen Winzer, hatte Ersterer lediglich sein Interesse bekundet, die älteste Tochter des Letzteren zu ehelichen. Jetzt war dieser Besuch vereinbart worden, um dem ehrenwerten Jotham Gelegenheit zu geben, Leah, die er bereits mehrmals auf den Basaren von Ugarit in Begleitung ihrer Mutter, ihrer Schwestern und Dienerinnen erblickt hatte, näher in Augenschein zu nehmen.
Halla!,
befand Avigail, die jetzt bemüht war, die Falten und Säume von Leahs langen Röcken und Schleiern zu ordnen. Wenn Jotham Leah heiratet, wird durch die Verbindung unserer beiden Häuser die mächtigste Familie in Ugarit, vielleicht sogar in ganz Kanaan begründet! Mit unseren

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