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Im Auge der Sonne: Roman (German Edition)

Im Auge der Sonne: Roman (German Edition)

Titel: Im Auge der Sonne: Roman (German Edition)
Autoren: Barbara Wood
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er wieder in die Stadt zurückgekehrt war, um sich ein Bild von der Lage zu machen. »Sprich ein Gebet«, sagte Yacov. »Die Männer sind tot. Sie wurden zusammengetrieben und zum Tempel des Mondes gebracht und dort erschlagen. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen.«
    »Papa?«, fragte ich.
    Aus Yacovs Blick sprach Hoffnungslosigkeit. »Ja, Avigail. Und meinen Vater haben sie von der Bettkante eines Patienten gezerrt und zum Schlachten abgeführt. Dafür sind sie jetzt beim Allerhöchsten, gepriesen sei Sein Name.«
    Tante Rakel schlug die Hände vors Gesicht. »Allerhöchster«, murmelte sie, »nimm ihre Seelen gnädig bei dir auf.« Ihr Schleier war verrutscht, gab volles kastanienbraunes Haar preis. Die gleiche Farbe wie die von Yacovs Haar und seinem Bart.
    »Das ist das Ende von Jericho!«, erklang ein verzweifelter Ruf neben uns. »Das ist das Ende der Welt.«
    »Der Pharao hat nicht die Absicht, die Stadt zu zerstören«, entgegnete Yacov. »Er hat vor, Jericho zu belagern. Schließlich ist es eine reiche Stadt an der Kreuzung vieler einträglicher Handelsrouten. Das bedeutet, dass unsere Häuser nicht zerstört werden, aber wir werden nicht dorthin zurückkönnen, denn die werden an ägyptische Bürger vergeben.« Und verbittert fügte er hinzu: »Der Pharao erweitert sein Imperium, indem er große und kleine Städte in Kanaan erobert und sie zu Vasallen Ägyptens macht.«
    Meine Schwestern, neun und elf Jahre alt, wippten vor und zurück und wimmerten in ihre vors Gesicht geschlagenen Hände: »Was wird dann aus uns? Wo sollen wir hin?«
    »Können wir nicht erst einmal abwarten, Yacov?«, fragte Tante Rakel. »Können wir nicht ausharren, bis die Feindseligkeiten abgeklungen sind, und dann vielleicht über die Rückgabe unseres Hauses verhandeln?« Ich sah, wie sie die Hände rang und um Haltung bemüht war. Meine Eltern tot, Rakels Ehemann erschlagen. Ihr und ihrem jungen Sohn kam es jetzt zu, dafür zu sorgen, dass wir, die mit heiler Haut davongekommen waren, überlebten.
    Yacov schüttelte den Kopf. »Die Ägypter vergewaltigen die Frauen. Es geht ihnen darum, ägyptischen Samen zu verbreiten und durch ihre Bastard-Mischlinge die Loyalität zum Pharao zusätzlich zu untermauern. Mutter, du und die Mädchen dürft auf keinen Fall zurück.«
    »Aber was soll das alles bezwecken, mein Sohn?« Rakel suchte verzweifelt nach einer Begründung für diese Katastrophe.
    »Es heißt, der Pharao benötigt Arbeiter für den Aufbau seiner neuen Stadt im Nildelta. Seine Truppen überfallen die Länder südlich von hier, um Gefangene zu machen und sie in einem Gewaltmarsch nach Ägypten zu bringen. Hauptsächlich handelt es sich dabei um Habiru, nomadische Schäfer, die leicht zu überrumpeln sind, weil sie sich nicht verteidigen können. Aber auch Kanaaniter sind ihnen in die Hände gefallen.«
    »Der Pharao muss verrückt sein«, stellte ich ernüchtert fest und legte die Arme um meine beiden kleinen Schwestern. »Die Habiru sind ein ungehobeltes Volk, das sich nur darauf versteht, Zelte aus Ziegenhäuten zu errichten. Aber doch nie und nimmer Gebäude aus Stein!«
    »Avigail, sprich ein Gebet!«, wies mich Tante Rakel zurecht. »Es gehört sich nicht, abschätzig über ein Volk zu reden, von dem du nichts weißt.«
    »Man wird die Habiru im Bau von Häusern unterweisen«, sagte Vetter Yacov.
    Als meiner Tante Tränen über die Wangen liefen, fügte er hinzu: »Sorge dich nicht um Jericho, Mutter. Könige kommen und gehen, Königreiche erstehen und fallen. Jericho aber wird ewig sein. Keine Macht auf Erden kann diese gewaltigen Mauern zum Einstürzen bringen.«
    Er richtete den Blick auf die Stadt, in der die Kämpfe bereits abebbten, und während er von »Überraschungsangriffen« und »gebrochenen Abkommen« sprach und sich darauf berief, auf welch heimtückische Weise Ägypten schon so oft den Frieden mit Jericho gebrochen hatte, spähte ich auf den Feldern vor der Stadt nach meiner Mutter aus. Eine Schönheit war sie gewesen, von allen geliebt, jetzt brutal niedergemetzelt. Ich wollte weinen, aber weder Tränen noch Trauer wollten sich einstellen. Es war, als hätte der Soldat hoch zu Ross mich ebenfalls erschlagen, als ob mein Leichnam neben dem meiner Mutter läge, schemenhaft und gefühllos.
    Und wo war Benjamin? Mein Liebster, mein Verlobter?
    »Wir müssen von hier weg«, sagte Yacov und stand auf. Er war erst achtzehn, wirkte aber, als er sich in seiner knielangen, in der Mitte gegürteten braunen Tunika

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