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If you leave – Niemals getrennt

If you leave – Niemals getrennt

Titel: If you leave – Niemals getrennt
Autoren: Courtney Cole
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Kapitel 1
    Kabul, Afghanistan
    E s ist der Geruch von Blut, der mir sagt, dass ich träume.
    Oder dass ich wach bin.
    An diesem Punkt meines Lebens könnte es beides sein.
    So oder so, der Geruch dringt mir in die Nase und bleibt darin hängen, metallisch-rostig und süßlich. Aus Erfahrung weiß ich, dass, falls ich schlafe, der Geruch immer noch da sein wird, wenn ich aufwache. Penetrante Erinnerung an eine Nacht, der ich nie entkommen werde.
    Es ist eine Hölle, aus der ich mich nie befreien kann.
    Noch während ich mich hin- und herwälze und versuche aufzuwachen, dringt ein Geräusch in mein Bewusstsein; ein Geräusch, das nicht in den Traum gehört. Ich weiß es, weil ich denselben Alptraum schon hundertmal erlebt habe. Dieses neue Geräusch und das, was ich dabei spüre, gehören da nicht rein.
    Es ist unverwechselbar – das Knirschen von Knochen in meiner Hand.
    Schlagartig öffnen sich meine Augen; ich schaue mich um und registriere mehrere Dinge gleichzeitig.
    Ich bin in einem Puff in Kabul, in demselben, in den ich immer gehe. Die schwarzen Haare des Mädchens sind um meine linke Hand gewunden, im festen Griff meiner Finger. Mit der rechten umklammere ich ihre schlaffe Hand, und ihre gebrochenen Finger stehen in unnatürlichen Winkeln ab.
    Sofort lasse ich ihre Finger los; sie starrt mich an und presst sich die andere Hand auf den Mund, um einen Schrei zu unterdrücken. Tränen steigen ihr in die Augen und laufen über ihre zerschlagene Wange. Das Blut färbt ihre Tränen rot, und mir wird etwas klar. Der Blutgeruch kam nicht von meinem Traum. Er kam von ihr.
    Jesus.
    Überall ist Blut. Es läuft aus ihrer Nase und ihrem Auge, von der Wange ihres zerschlagenen Gesichts, tropft auf ihre nackte olivfarbene Haut und hinterlässt Flecken auf den vergilbten Bettlaken. Ich keuche auf und weiche instinktiv von ihr zurück, voller Entsetzen, und der Schock fährt mir in die Eingeweide.
    »Was, zum Teufel …?«, würge ich heraus.
    Als ich mich bewege, hält sie sich die gebrochene Hand.
    Die Hand, die ich ihr gebrochen habe.
    Auf meiner Stirn bilden sich Schweißperlen, und mein Herz hämmert wie verrückt.
Ich habe ihr das angetan. Ich habe ihr das angetan
. Was, zum Henker, habe ich gemacht? Ich bin erschrocken und werde panisch, aber in diesem Moment macht sich meine Ausbildung bemerkbar, und ich reiße mich zusammen.
    »Es tut mir leid«, versichere ich ihr eilig. Ich nehme meine fünf Sinne zusammen, gehe auf sie zu und strecke die Hand aus, um mir ihre Verletzungen anzusehen. Sie zuckt zurück, und die Angst in ihrem Blick ist deutlich zu sehen, als sie sich von mir wegdreht, als wolle sie einen weiteren Schlag abfangen. Ihre Reaktion erschüttert mich  – das Wissen, dass sie Angst vor mir hat.
    Und dazu die Erkenntnis, die mich krank macht: dass sie allen Grund dazu hat.
    Ich schlucke schwer; in meinem Mund der Geschmack von Abscheu vor mir selbst.
    »Bitte«, stammle ich und strecke die Hand aus, »lass mich das ansehen. Ich tue dir nicht mehr weh.«
    Die Prostituierte ist ein schlankes Mädchen namens Niki. Sie zittert, zwingt sich aber stillzuhalten, während ich ihre Arme und Beine abtaste. Als ich ihre gebrochene Hand berühre, holt sie zischend Luft, lässt mich aber alles andere untersuchen, während sie steif wie ein Brett daliegt. Es ist schon fast verrückt. Ich habe die Kleine die halbe Nacht durchgevögelt, aber in diesem Augenblick ist sie so weit weg, als wäre sie eine völlig Fremde. Weil sie Angst hat.
    Vor mir.
    »Es tut mir so leid«, sage ich erneut und wende den Blick von ihren steifen, blutbeschmierten Schultern ab. »Ich komme nicht mehr hierher. Ich habe geschlafen. Ich wusste nicht, was ich tue. Ich werde dir nie wieder weh tun, Niki. Es tut mir leid.«
    Eines ihrer Augen ist zugeschwollen, aber das andere weitet sich bei meinen Worten, und sie packt mich mit der unverletzten Hand. Ihre kalten Finger zittern.
    »Nein«, flüstert sie, »wenn du wegbleibst, dann schlagen sie mich, weil ich dir nicht gefallen habe. Bitte. Bleib nicht weg, Soldat.«
    Ich starre sie fassungslos an. »
Ich
habe dich gerade geschlagen«, sage ich dann langsam. »Ich wollte das nicht, aber das ist keine Entschuldigung.
Ich habe dich gerade geschlagen

    Niki schüttelt den Kopf und zuckt bei dem Schmerz, den ihr die Bewegung verursacht, zusammen. Schuldgefühle überfluten mich. Ich habe eine unschuldige Frau verletzt. Herr im Himmel. Ich bin ein Monster.
    »Du hast geschlafen«, sagt Niki

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