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Ich soll nicht töten

Ich soll nicht töten

Titel: Ich soll nicht töten
Autoren: B Lyga
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LEICHENBESCHAUER LOBO ’S NOD war professionell, wenn auch ein wenig prätentiös, auf die Tür gepinselt. Das hieß…
    Und tatsächlich sah Jazz, wie sich zwei Polizisten mit einem Leichensack, der schlaff zwischen ihnen hing, der Toten näherten. Die vorläufige Untersuchung am Tatort war abgeschlossen.
    Jazz beobachtete, wie der Techniker vorsichtig den Kopf der Leiche einwickelte, dann machte er dasselbe mit den Händen und Füßen.
    Immer Hände und Füße überprüfen, flüsterte Dear Old Dad aus der Vergangenheit. Und den Mund und die Ohren. Du würdest dich wundern, was alles zurückbleibt.
    Er blinzelte, um die Stimme zu vertreiben, und schaute zu, wie sie die tote Frau in den Leichensack verfrachteten und den Reißverschluss zuzogen. Noch während er sich darauf konzentrierte, bemerkte er etwas aus dem Augenwinkel. Er versuchte, es zu ignorieren. Es war die Art Dinge, die er eigentlich nicht bemerken wollte, aber er konnte nicht anders. Sobald er es gesehen hatte, ließ sich nicht mehr daran vorbeisehen.
    Einer der Beamten stand ein Stück abseits. Nicht so weit, dass man meinen könnte, er würde nicht dazugehören, aber weit genug, damit ihn niemand bitten würde, bei etwas zur Hand zu gehen. Er stand einfach da, und für einen anderen Beobachter würde dieser Polizist wirken, als versuchte er, nicht im Weg zu stehen.
    Jazz glaubte, alle Polizisten in Lobo’s Nod vom Sehen zu kennen, und die meisten der umliegenden Orte dazu. Dieser hier trug eine Uniform der örtlichen Polizei, aber er war ein Fremder.
    Und er war bereit. Anders konnte Jazz es nicht beschreiben: Bereit. Verwundbar. Leicht zu erledigen. Er war ein wenig nervös und zupfte an einer rauen Stelle im Leder seines Waffengürtels, nicht weit von der Dose mit dem Pfefferspray.
    Es würde leicht sein, ihn auszuschalten. Trotz seiner Ausbildung. Trotz seiner Waffe, seines Pfeffersprays und seines Schlagstocks. Jazz konnte es sich mehr als nur vorstellen– er sah es durch sein Fernglas, als würde es tatsächlich geschehen.
    Jazz konnte Leute lesen. Es war nichts, woran er arbeitete; es war so natürlich für ihn wie atmen. Es war so normal, wie wenn man eine Werbetafel am Highway las: Man dachte nicht wirklich an die Werbetafel, man bemerkte sie einfach, das Gehirn verarbeitete die Information, und damit hatte es sich.
    Er schloss die Augen und versuchte, an Connie zu denken, wie sie beide eng umschlungen draußen im Versteck lagen. Er versuchte, an Basketball mit Howie zu denken. An seine Mutter, an das Letzte, woran er sich erinnerte, bevor sie verschwand. Er versuchte, an irgendetwas zu denken, nur nicht daran, wie einfach es wäre, sich diesem Polizisten zu nähern…
    Ihn in Sicherheit zu wiegen, zur Selbstzufriedenheit zu verführen und dann…
    Ihm an den Gürtel gehen. An das Pfefferspray. Den Stock. Die Pistole.
    Es wäre so leicht.
    Es war so leicht.
    Jazz öffnete die Augen. Die Leiche war im Kombi verstaut. Selbst aus dieser Entfernung hörte er, wie die Tür ins Schloss fiel.
    Jazz wischte sich den Schweiß von der Stirn. G. William stieg vorsichtig zur Straße und zu seinem Wagen hinunter. Die übrigen Beamten würden vorläufig am Fundort bleiben.
    Der Beweismittelbeutel. Jazz musste ständig daran denken. Oder vielmehr an das, was er darin gesehen hatte.
    Einen Finger.
    Einen abgetrennten menschlichen Finger.

2
    Jazz kroch rückwärts aus dem Gestrüpp und machte sich vorsichtig auf den Weg zu seinem Jeep, den er an einem alten Feldweg versteckt hatte, der durch das Harrison-Anwesen führte.
    Jazz würde zu G. William gehen. Er musste es tun. Um die Leiche zu sehen. Er würde sich seiner eigenen Vergangenheit stellen und schauen, welche Auswirkungen es auf ihn hatte. Falls es welche hatte. Vielleicht gab es überhaupt keine. Oder vielleicht gab es genau die richtige Art von Auswirkungen. Die der Welt und ihm selbst etwas bewiesen.
    Eine Leiche war eine Sache. Dieser Finger jedoch… Das war neu. Damit hatte er nicht gerechnet. Es bedeutete…
    Während er mit dem schrottreifen alten Jeep seines Vaters dahinholperte, gab er sich Mühe, nicht daran zu denken, was der Finger bedeutete, obwohl er in seiner Fantasie vor ihm schwebte, als würde er auf ihn zeigen. Es war nicht so, als hätte er noch nie eine Leiche gesehen. Oder einen Tatort. Beides kannte Jazz dank Dear Old Dad, solange er zurückdenken konnte. Jazz hatte Tatorte so gesehen, wie Polizisten sie gern sehen würden– aus der Sicht des Täters.
    Jazz’ Vater, William

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