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Ich liebe dich nicht, aber ich möchte es mal können

Titel: Ich liebe dich nicht, aber ich möchte es mal können
Autoren: Tessa Korber
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Vorwort
    Eigentlich wollte ich ein Buch über zwei Menschen schreiben – über meinen autistischen Sohn Simon und mich. Wobei dieser zweite Mensch im Grunde nur in meiner Interpretation auftaucht. Simon kann nicht kommunizieren, er kann sich nicht selber darstellen, kann kein Bild von sich vermitteln, so wie wir alle das tun. Zu weiten Teilen bleibt er ein Rätsel. Er ist darauf angewiesen, dass jemand seine Handlungen und Äußerungen deutet und vermittelt, daher liegt es in der Natur der Sache, wenn nur ich erzähle. In gewisser Weise ist das ein Abbild unseres Lebens: Ich bin seine Aufpasserin, sein Halt, seine Energiezelle, seine Antreiberin, sein Felsen, seine Uhr, seine Erklärerin, seine Weltvermittlerin, sein Butler, seine Übersetzerin, seine Interpretin – die meiste Zeit des Tages, und das sind Tage, die gegen fünf beginnen und oft bis 22 Uhr und länger dauern. Manchmal finde ich das ungerecht mir gegenüber.
    Was für ein Buch Simon über uns oder sich schreiben würde, vermag ich nicht einmal ansatzweise zu ahnen. Und das ist natürlich eine schreiende Ungerechtigkeit ihm gegenüber, ein Teil der Ungerechtigkeit des Lebens, das er führen muss, zur Unselbständigkeit verdammt, und es ist kein Wunder, wenn er bisweilen laut schreit vor Wut und Frustration.
    Meist habe ich in solchen Momenten Verständnis für ihn, obwohl ich mir zur selben Zeit nichts sehnlicher wünsche, als dass dieses aus scheinbar heiterem Himmel über uns hereinbrechende Schreien und Sich-selber-auf-den-Kopf-Schlagen einfach wieder aufhören möge. Weil es nervt, weil es so erschreckend hemmungslos ist, weil es auf Dauer mürbe macht und weil es einem die eigene Hilflosigkeit vor Augen führt. Und letztlich die Unfähigkeit, sein Kind glücklich zu machen.
    Dabei habe ich noch Glück: Simon ist ein Autist, der sich anfassen lässt, meistens zumindest. Zuzeiten darf ich ihn einfach in den Arm nehmen und halten und mir einbilden, ihm dabei all meine Liebe geben zu können. Ich weiß nicht genau, was davon bei ihm ankommt.
    Meistens lacht Simon glücklicherweise, allerdings auch das oft ohne von außen erkennbaren Grund, genauso rückhaltlos und ebenso schwer zu steuern. Ich lebe leichter mit dem Lachen als mit dem Schreien, es ist das erträglichere Rätsel. Bisweilen erinnert es mich sogar an das archaische Lächeln der frühen griechischen Götterstatuen. Es ist, wie Simon selbst, auf ferne Weise schön. Aber dann wieder wünschte ich mir – und vielleicht ging es den Griechen mit ihren unergründlichen Göttern ja ebenso –, dieses ewige Lächeln möge doch bitte wieder enden. Weil das nicht Verstehbare so schwer auszuhalten ist.
    Auch wenn ich es also bin, die unsere Geschichte erzählt, wird es dabei immer um meinen Sohn gehen. Weil mein ganzes Leben sich um ihn und fast nichts anderes dreht. Was immer ich auch tue, Romane schreiben und Lesungen halten, mich schminken und ausgehen, eine neue Beziehung beginnen, Zeit mit Freunden verbringen, es ist nur ein kleiner, gestohlener Teil meines Lebens. Ich bin immer zugleich die Mutter eines Kindes mit Autismus. Ich habe lebenslänglich.
    Manchmal liebe ich meinen Sohn leidenschaftlich, manchmal möchte ich in einen Zug steigen und einfach davonfahren. Ich könnte ihn nie aufgeben, er ist ein Teil von mir. Aber mit ihm zu leben kostet mich alle Kraft. Schon oft habe ich davon geträumt, mit ihm ganz fest im Arm von einem Hochhaus zu springen. Was wir aus verschiedenen Gründen nicht tun werden.
    Manchmal ist der Alltag einfach lähmend. Manchmal tanzen wir durch unsere Tage. Manchmal erarbeiten wir Fortschritte, dann wieder frisst uns das Chaos auf. In manchen Momenten glaube ich, die Kraft reicht für keinen weiteren Schritt, dann gibt es wieder wunderbar skurrile Nachmittage, an denen wir, egal ob schlechtes Wetter oder nicht, barfuß durch den Frühlingswald marschieren und Weihnachtslieder singen. An denen wir auf dem Trampolin springen bis in den blauen Himmel hinauf und in einem gemeinsamen Spiel abwechselnd Freunde und Obstsorten aufzählen: »Gabi sagt: Mmh, Banane.« – »Christoph sagt: Mmh, Zitrone.« – »Janek sagt: Mmh, Melone.« Und so ad infinitum, bis uns Freunde, Obstsorten oder die Lust ausgehen. Oder jene Momente, in denen mein Sohn, der normalerweise überwiegend dadaistische Wortgebilde produziert, plötzlich

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