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Ich bin Nummer Vier

Ich bin Nummer Vier

Titel: Ich bin Nummer Vier
Autoren: Lore Pittacus
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Die Tür beginnt zu vibrieren, ein windschiefes Ding aus Bambustrieben, mit abgerissenen Schnüren zusammengebunden. Das kaum wahrnehmbare Zittern hört gleich wieder auf. Wachsam heben sie die Köpfe – ein vierzehnjähriger Junge und ein fünfzigjähriger Mann, den jeder für seinen Vater hält, der aber nahe einem anderen Dschungel auf einem anderen Planeten, Hunderte von Lichtjahren entfernt, geboren wurde. Mit nackten Oberkörpern liegen sie in einer Hütte einander gegenüber, jeder unter einem Moskitonetz. Sie hören ein fernes Knacken, ähnlich dem Geräusch, das Tiere beim Brechen eines Astes verursachen. In diesem Fall klingt es allerdings, als wäre der ganze Baum umgestürzt.
    »Was war das?«, fragt der Junge.
    »Psst!«
    Insekten sirren. Ansonsten absolute Stille. Der Mann schiebt die Beine über den Rand seines Feldbetts, als das Vibrieren wieder beginnt. Ein längeres, stärkeres Wackeln und wieder ein Knacken, diesmal näher. Der Mann atmet tief ein, während er langsam die Hand zum Riegel schiebt. Der Junge setzt sich auf.
    »Nein«, flüstert der Mann, und in diesem Moment stößt ein Schwert, lang und glänzend, aus einem Weißmetall, das nirgendwo auf der Erde zu finden ist, durch die Tür und sinkt tief in die Brust des Mannes. Es dringt durch den Rücken, ragt fünfzehn Zentimeter hervor, bevor es schnell wieder herausgezogen wird. Der Mann stöhnt. Der Junge ringt nach Luft. Der Mann
macht einen letzten Atemzug und stößt nur ein Wort hervor: »Lauf!« Dann fällt er leblos zu Boden.
    Der Junge springt von seinem Lager auf und stürzt durch die Rückwand. Er gibt sich nicht mit Tür oder Fenster ab, sondern läuft buchstäblich durch die Wand, die zerreißt wie Papier, obwohl sie aus kräftigem, hartem afrikanischem Mahagoni besteht.
    Er rennt in die kongolesische Nacht, springt über Bäume, läuft mit einer Geschwindigkeit von etwa hundert Kilometern in der Stunde. Seine Sinne sind übermenschlich. Er weicht Baumgruppen aus, bricht durch ein Gewirr von Schlingpflanzen, springt mit nur einem Satz über Bäche. Schwere Schritte hinter ihm kommen mit jeder Sekunde näher. Auch seine Verfolger haben besondere Fähigkeiten. Und sie haben etwas bei sich, über das er nur Gerüchte gehört hat; etwas, das er nie auf der Erde zu sehen glaubte.
    Das Krachen kommt näher. Der Junge hört ein tiefes, kräftiges Brüllen. Was auch immer hinter ihm ist, es wird schneller. Vor ihm öffnet sich der Dschungel, und eine gewaltige Schlucht tut sich auf, neunzig Meter breit und ebenso tief. Am Grund fließt ein Fluss. Am Ufer liegen riesige Felsblöcke; bei einem Sturz würde der Junge auf ihnen zerschellen. Die einzige Möglichkeit ist, die Schlucht zu überqueren. Es ist nur Platz für einen kurzen Anlauf. Eine einzige Chance, sein Leben zu retten. Selbst für ihn oder einen der anderen hier auf der Erde, die sind wie er, ist dieser Sprung fast unmöglich. Doch zurücklaufen, in den Abgrund fallen oder den Kampf wagen bedeutet den sicheren Tod. Es bleibt nur ein Ausweg.
    Das Gebrüll hinter ihm ist ohrenbetäubend. Sie sind sechs, vielleicht neun Meter entfernt. Er läuft fünf Schritte zurück, rennt los – und direkt vor dem Rand springt er ab und fliegt über die Schlucht. Drei oder vier Sekunden lang ist er in der
Luft. Er schreit und streckt die Arme vor. Jetzt kommt die Sicherheit oder das Ende.
    Dann schlägt er auf dem Boden auf und stolpert vorwärts bis zum Stamm eines Mammutbaums. Er lacht. Er kann nicht glauben, dass er es geschafft, dass er überlebt hat. Er will sie nicht sehen. Er weiß, dass er weiterlaufen muss, aber noch bleibt er stehen und wendet sich zum Dschungel.
    Plötzlich legt sich eine riesige Hand um seine Kehle. Er wird vom Boden gehoben, wehrt sich, tritt, versucht davonzukommen, aber er weiß, dass es vergeblich ist. Es ist vorbei. Er hätte wissen sollen, dass sie auf beiden Seiten sein würden. Wenn sie ihn einmal gefunden hatten, war keine Flucht mehr möglich.
    Der Mogadori hebt ihn hoch, sodass er ihm auf die Brust sehen und das Amulett erkennen kann, das nur er und seinesgleichen tragen können. Der Mogadori reißt es ab und steckt es irgendwo in seinen langen schwarzen Umhang. Als seine Hand wieder aus dem Umhang herauskommt, trägt sie ein Schwert aus glänzendem weißem Metall.
    Der Junge blickt dem anderen in die tiefen, gefühllos schwarzen Augen und spricht: »Die Erben leben. Sie werden einander finden, und wenn sie bereit sind, werden sie euch

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