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Ich bin die, die niemand sieht

Ich bin die, die niemand sieht

Titel: Ich bin die, die niemand sieht
Autoren: J Berry
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E RSTES B UCH
    I
    Du bist nicht gekommen.
    Ich habe den ganzen Abend im Weidenbaum gesessen und auf dich gewartet. Während Mücken um mich herumschwirrten und Pflanzensaft meine Haare verklebte, wartete ich auf deine Rückkehr.
    Ich wusste, dass du an diesem Tag ins Dorf gegangen warst. Ich hatte gehört, wie du Mr Johnson nach der Kirche gefragt hast, ob du ihn an diesem Abend besuchen könntest. Bestimmt wolltest du dir seine Ochsen leihen.
    Aber du warst so lange fort. Du bist einfach nicht zurückgekommen. Vielleicht haben sie dich zum Abendessen eingeladen. Oder du hast dich für einen anderen Heimweg entschieden.
    Mutter schimpfte mich gehörig aus, weil ich meine Pflichten vernachlässigt und das Abendessen verpasst hatte. Sie sagte, für mich sei nur noch der Bodensatz im Kochtopf übrig. Darrel hatte den Topf zwar schon ausgekratzt, aber Mutter zwang mich trotzdem, ihn im Fluss zu spülen.
    Nichts strahlt so hell wie der Fluss am Tag, und nichts ist in einer mondlosen Nacht so dunkel.
    Ich beugte mich hinunter und trank direkt aus dem Fluss. Mehr hatte ich nicht, um meinen leeren Magen zu füllen. Du warst bestimmt auch durstig, nach einem langen Tag der Feldarbeit. Vor dem Schlafen würdest auch du zum Fluss hinunter gehen und das gleiche Wasser trinken, das meine Lippen berührt hatten. Seit du ein kleiner Junge warst, hast du dich hier fast jeden Abend abgekühlt.
    In der Dunkelheit würde ich mich für dich wie irgendein beliebiges Mädchen anfühlen. Unter meinem Kleid ist nichts, wofür ich mich schämen muss.
    Ich dachte, wenn du nur wüsstest, würdest du mich genauer ansehen, deine Gedanken in meine Richtung lenken und warten, ob sie abprallen oder aufgesogen werden.
    Aber du weißt es nicht.
    Und du wirst es nie erfahren.
    Denn ich darf es nicht verraten.
    II
    Heute war ich schon im Wald bei deiner Hütte, als du noch geschlafen hast. Nach dem Aufstehen gingst du nach draußen zum Nebengebäude und ich versteckte mich hinter einem Baum. Seitdem beobachte ich dich.
    Irgendetwas beschäftigt dich heute. Dein Gang ist so federnd und beim Laufen summst du ein Lied. Du scheinst es eilig zu haben.
    Jip bemerkt mich nicht. Er läuft dir zwischen den Beinen herum und reibt sich an deinen Stiefeln. Er ist fast taub und blind und sein Geruchssinn funktioniert kaum noch, aber du behältst ihn bei dir, weil er ein alter Freund ist.
    Ich beobachte deine Hütte, so lange ich kann. Dann laufe ich schnell zurück, damit Mutter meine Abwesenheit nicht auffällt.
    III
    Darrel weiß Bescheid. Er hat mich im Wald vor deinem Haus erwischt. Jetzt droht er, es Mutter zu erzählen, falls ich nicht seine Aufgaben im Hühnerstall übernehme und ihm Beeren, Nüsse und Kirschen bringe. Immer muss ich sein hungriges Maul füttern, um ihn zum Schweigen zu bringen.
    IV
    Heute Abend kam der Mond zum Vorschein. Ich trete vor das Haus, um ihn über den Baumwipfeln aufgehen zu sehen. Der Mond ist so still. Ich weiß noch, wie mich seine Stille Nacht für Nacht beruhigte. Und wie dunkel die Nächte ohne ihn waren. Aber er kam immer zurück.
    In den Jahren mit ihm war der Mond mein einziger Freund.
    Und ist immer noch mein einziger Trost.
    V
    Du bist nicht wie er.
    Egal, was die anderen sagen.
    VI
    Vater sagte immer, mein Gesang könne die Vögel von den Bäumen locken. Ein liebender Vater sagt natürlich alles Mögliche, aber ich stellte mir vor, wie mein Gesang dich eines Tages zu mir führen würde.
    Du warst es schon immer. Wenn du mit den anderen Jungen durch den Wald getobt bist und Nüsse gesammelt hast, gefielen mir dein Lächeln und deine Scherze immer am besten. Ich war ganz stolz, wenn du mit der Steinschleuder einen großen Truthahn erlegt hast.
    Weißt du noch, wie ich nach Würmern grub, als du zwölf warst und ich acht?
    Wir trafen uns immer am Fluss. Ich hatte ein Säckchen Erde dabei. Darin waren die fettesten Würmer, die ich beim Unkrautjäten in Mutters Garten hatte finden können. Du nanntest mich »Marienkäfer«. So nannte mich auch mein Vater immer. Er meinte damit »Schatz«, du meintest »Wurmfängerin«. Trotzdem gefiel es mir.
    Wenn du sicher warst, dass nur ich zusah, schlugst du Rad und tatst danach so, als hörtest du meinen Applaus nicht. Wenn du auf den Hintern fielst, lachten wir beide.
    Einmal hast du einen Korb Äpfel unter meinen Weidenbaum gestellt. Ich habe beobachtet, wie du dich davongeschlichen hast.
    Mit der Zeit wurde aus dir ein Mann und aus mir wurde – das hier.
    VII
    Erinnerst du dich

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