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Ich beantrage Todesstrafe

Ich beantrage Todesstrafe

Titel: Ich beantrage Todesstrafe
Autoren: Heinz G. Konsalik
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Vor den hohen Fenstern stand der Abend.
    Über dem großen Sitzungssaal des Schwurgerichts I lag die bleierne Last der Verantwortung. Die Richterbank mit dem Vorsitzenden, den beiden Beisitzern und den sechs Geschworenen sah aus wie die Dekoration einer Bühne. Rechts, auf dem Platz des Staatsanwalts, brannte eine Tischlampe mit blauer Tageslichtbirne … auf der linken Seite des Raumes, hockte Peter Katucheit hinter der Barriere, vor sich, in der schwarzen Robe, sein Anwalt. Alles eingetaucht in Licht, gegen das die Gesichter der wenigen Zuschauer und der vollbesetzten Zeugenbank verschwommen.
    Peter Katucheit hockte stumpf auf seinem Stuhl. Er polkte an den Fingernägeln, hüstelte und grinste dumm, als sich der Wachtmeister hinter ihm zur Seite beugte und ihn leicht in den Rücken stieß. Ruhe, sollte das heißen. Ruhe, Kerl – der Staatsanwalt spricht!
    Katucheit hob die Schultern. Wenn schon, dachte er gleichgültig. Laß ihn quatschen! Anklage hin – Verteidigung her … ist doch alles Blödsinn! Die Rübe bleibt oben, das höchste ist ›Lebenslänglich‹.
    Na ja – auch das geht vorüber. Im Zuchthaus ist es warm, man hat eine Bude, hat zu fressen, braucht sich keine Sorgen zu machen, und wenn man arbeitet, kann man sich in der Kantine sogar was kaufen! Sonntags spielt die Zuchthauskapelle, einmal in der Woche ist Sporttag … Kinder, warum quatschen sie bloß so lange?!
    Na ja … und das Mädchen … wenn man zehn Jahre im Z saß und verdammten Hunger hat, auf Mädchen, wissen Sie, Herr Staatsanwalt … so nach zehn Jahren ohne Mädchen … dann pfeif ich auf alles und gehe an die Mädchen. Und dabei ist's eben passiert … kleine Entgleisung. Man hat's nach zehn Jahren nicht mehr so im Griff, wie man ein Mädchen anfassen muß. Man verlernt's.
    Und nun quatscht der Kerl schon eine Stunde … Und müde bin ich auch …
    Peter Katucheit starrte auf den Staatsanwalt. Er rülpste vernehmlich. Der Anwalt vor ihm drehte sich herum.
    »Benehmen Sie sich anständig, Katucheit«, sagte er leise über den Rücken hinweg.
    Katucheit nickte. »Scheiße!«
    Achselzuckend wandte sich der Anwalt ab.
    Staatsanwalt Dr. Walter Doernberg hielt einen Augenblick mit dem Plädoyer inne. Er blickte zu Katucheit hinüber und bemerkte, daß dieser gleichgültig an dem Nagel seines Daumens kaute und damit beschäftigt war, ein eingerissenes Stück mit den Schneidezähnen durchzubeißen.
    Dr. Doernberg war ein noch junger Staatsanwalt. Als der Prozeß gegen den Mörder Katucheit anberaumt wurde, sagte der Oberstaatsanwalt zu ihm: »Lieber Doernberg – diese Sache machen Sie! Der Fall liegt klar: Lebenslänglich. Was mich interessiert, ist Ihr Plädoyer.«
    Dr. Doernberg atmete tief in dieser Sprechpause. Er sah noch immer zu Katucheit hinüber und stützte seine Hände auf die Tischplatte. Er brauchte kein Konzept zu lesen … er sprach frei. Er sprach so, wie er fühlte und was er fühlte. Er war so erfüllt von Abscheu und Grauen, von Ekel und Zorn, daß seine Worte leidenschaftlich wurden.
    »Wir haben hier einen Mörder vor uns. Einen geständigen, überführten Mörder. In unserer Praxis begegnet man ihnen öfter … aber sehen Sie sich, meine Herren Geschworenen, diesen Mörder einmal an! Bemerken Sie Reue an ihm? Sehen Sie einen Funken menschliches Entsetzen vor der eigenen Tat? Sehen Sie eine einzige Regung in diesem stupiden Gesicht? Er sitzt da und kaut an den Nägeln! Er lächelt sogar! Er lächelt nicht aus Schwachsinn, wie es der Gutachter, Professor Sellner, ausführte, der den Angeklagten für einen niedrigen Psychopaten hält und den Paragraphen einundfünfzig auf ihn angewendet wissen möchte. Der Angeklagte hat dieses Gutachten selbst bestritten und sich voll zu seiner Tat bekannt.«
    Peter Katucheit nickte heftig und grinste Dr. Doernberg an, als dieser weitersprach.
    »Der Angeklagte ist kein Psychopath … aber er ist, nach unseren moralischen Gesetzen und gesellschaftlichen Formen, auch kein Mensch mehr! Er ist ein Untier, das menschenähnliche Züge trägt. Seine Tat – mich würgt der Ekel in der Kehle, wenn ich sie wiederhole.
    Am 17. März dieses Jahres wird Katucheit aus dem Zuchthaus in Bruchsal entlassen. Nach zehn Jahren wegen schweren Raubes und Totschlages. Am 19. März trifft er bei seinem ziellosen Herumstreifen am Dorfrand von Sangerhausen die dreizehnjährige Hannelore Lämmle. Sie kommt aus der drei Kilometer entfernten Schule und muß auf dem Schulweg durch ein kurzes Stück des

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