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Hurra, die Lage wird ernst

Hurra, die Lage wird ernst

Titel: Hurra, die Lage wird ernst
Autoren: Annette Bell
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Die Befreiung
     
    Anja
lernte ich kennen, als es sie schon dreiundzwanzig Jahre gab. Natürlich wußte
ich nicht gleich, daß diese junge Dame, die mich eines Tages besuchte, Anja
war. Ich wußte nur, daß sie mir gefiel und daß sie wunderbar nach Frischfleisch
und Anisplätzchen duftete.
    Das geschah an einem dieser
verregneten Julitage, den ich nie vergessen werde, weil sich von diesem Tage an
Anjas und mein Leben von Grund auf änderte. Doch davon später.
    Zuerst gestatten Sie bitte dem
bescheidenen Autor, daß er sich vorstellt. Das ist in meinem Falle gar nicht so
leicht, ohne in den Verdacht zu geraten, bewußt in Eigenlob zu schwelgen.
Trotzdem, und nur der Ordnung halber, möchte ich Sie wissen lassen, daß in
meinem Stammbaum verzeichnet steht, daß es sich bei meiner Person (falls man
das überhaupt sagen kann) um einen reinrassigen Langhaardackel, in Klammern
Rüde, handelt. Liebe Menschen sagen zuweilen, und ich gestehe es verschämt, ich
sei bildschön und trotzdem charaktervoll, was anscheinend eine seltene
Kombination ist.
    Anja aber nannte mich meist
Schuftel, auch alter Schnuller, Stinkbär, Fippemann und Verbrecher, das
allerdings seltener. Bitte glauben Sie nicht, daß es sich bei diesem Werk um
meine Memoiren handelt; die wären in einem so dünnleibigen Buch nicht
unterzubringen. Nein, was ich hier aufgezeichnet habe, ist lediglich eines der
aufregendsten Abenteuer meines ohnehin bewegten Dackellebens. Ferner bitte ich,
jetzt nicht den Kopf zu schütteln ob der Tatsache, daß sich ein Hund erlaubt,
die sprachlichen Mittel für seine Zwecke zu gebrauchen. Schließlich habe ich
lange genug unter den Menschen gelebt, und wenn man nicht allzu dumm ist...
    Na ja, Sie verstehen schon, ich
hasse Eigenlob (siehe oben). Im übrigen: Haben sich nicht auch schon andere
Tiere in durchaus erträglicher Manier der deutschen oder englischen Sprache
bedient? Denken Sie nur an die Gespräche zwischen Bearo dem Bären, Tammanoo dem
Tiger und Snakoo der Schlange. Aber das ist Literatur und geht weit über das
hinaus, was ich dem verehrten Leser zu bieten beabsichtige.
    Mit mir sollen Sie lediglich meine
Freundin Anja (süßes Geschöpf!) ein kleines, wenn auch wichtiges und holpriges
Stück Wegs begleiten, von dem Tag an, als...
     
    Wie
gesagt, bis zu jenem Tag kannte ich sie nicht, ahnte auch nicht, was mir
bevorstand, sonst hätte ich nicht noch kurz vorher den Wärter angeknurrt und
den widerwärtigen, ewig kläffenden Spitz Samson ins linke Bein gebissen. Gewiß
hätte ich das nicht getan, zumal ich weder streitsüchtig noch brummig bin, aber
haben Sie schon einmal fünf lange Wochen in einem Tierasyl hinter Gittern
gelebt? Verzeihung, natürlich nicht.
    Die Leute dort, das gebe ich zu,
waren nicht unfreundlich. Sie gaben uns regelmäßig den Freßnapf und sogar hin
und wieder ein paar freundliche Worte. Aber Freiheit ist Freiheit, und nie
werde ich es Sylvia vergessen, wohin ich durch ihre Schuld geraten bin. Sicher,
später geriet ich zu Anja, und dafür müßte ich ihr dankbar sein, aber
schließlich zuerst einmal ins Asyl, und das nur, weil sie plötzlich einen
Filmvertrag bekam und mich nicht mitnehmen konnte, wegen der Formalitäten, und
weil doch alles so schnell gehen mußte. Als sie all ihre Koffer gepackt hatte,
drückte sie mich noch einmal an jene Körperteile, die ihr Manager als seine
stärksten Argumente im Gespräch mit Filmbossen pries und entließ mich mit einem
kleinen Schluchzer und den Worten:
    »Ciao, mein Kleiner«, in die nasse
Parkallee.
     
    Was
dann kam, ist weder amüsant noch unterhaltsam. Eines Tages jedenfalls sah ich mich
in Gesellschaft einiger verkommener Hundeexistenzen, die gleich mir die meisten
Stunden des Tages am dichten Maschendraht entlangrasten, hin und her und hin
und her, und der verlorenen Freiheit nachheulten. Der Rest der Zeit wurde in
Melancholie verschlafen. Was machten sich da für Träume hinter unseren
blinzelnden Hundeaugen breit. Träume von wunderbarer Rettung durch einen
Hundefreund, von Jagden durch Parks und Wiesen, und nicht zuletzt Träume von
    Fleisch- und Wurstbergen, durch die
man sich nur hindurchzufressen brauchte.
    Es war eine Qual, wieder zu
erwachen.
    Nur selten ließ sich ein Fremder an
unserem Gitter sehen, und wenn, dann bedeutete das meistens für einen von uns
die Erfüllung zumindest eines seiner Träume — ’raus hier. Darum spitzten wir unsere
Ohren immer besonders, wenn wir fremde Schritte hörten. Die der Wärter kannten
wir

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