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Hungerkralle

Hungerkralle

Titel: Hungerkralle
Autoren: Jürgen Ebertowski
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der
amerikanische Stadtkommandant, versprach, die Westalliierten würden alles
unternehmen, damit die Berliner Bevölkerung nicht zu hungern brauchte. Man sei
ferner entschlossen, die Transportkapazität der Versorgungsflotte zu steigern,
bis die Russen einsahen, dass sie mit einer Blockade der Landwege Amerika,
England und Frankreich nur in ihrem Entschluss bestärken würden, in Berlin zu
bleiben.
    Karl schnitt den Zeitungsartikel aus und
heftete ihn ab. Mit einem Blick zur Uhr sagte er: »Ich gehe jetzt zur Halle
eins, Major. Dort ist Schichtwechsel. Ich muss den neu eingestellten deutschen
Transportarbeitern die Arbeitsverträge bringen. Brauchen Sie mich später noch?«
    »Nein, es reicht, wenn Sie mir morgen
noch mal eine Stunde bei der Zusammenstellung des Pressespiegels helfen. Falls
Sie Fräulein Vera suchen sollten, sie verteilt wieder Sandwiches und Kaffee an
die Jungs von der Air Force.« Der Major grinste. »Die Flughafenverwaltung hat
wirklich die hübschesten Mädels aus der Kantine dafür ausgesucht. – Ich bin
später übrigens noch im Oriental. Wenn Sie wollen, kann ich Sie nach
Ihrem Training nach Dahlem mitnehmen.«
    In der großen Abflughalle herrschte ein
beständiges Kommen und Gehen von Skytrain- und Dakota-Besatzungen, die dort die
Rückflugpapiere nach Westdeutschland ausgehändigt bekamen und während der
Wartezeit von einer mobilen Snackbar verpflegt wurden, um die sich Vera mit
drei anderen Frauen kümmerte.
    Karl wartete, bis Vera einen
Air-Force-Offizier mit Kaffee und Donuts versorgt hatte. »Täusche ich mich,
oder ist hier heute mehr los als gestern?«
    »Weniger bestimmt nicht. – Ach, übrigens,
der Leutnant eben, das war der Pilot, der als Erster auf die Idee gekommen ist,
für die Kinder Süßigkeiten an kleinen Fallschirmen abzuwerfen.«
    Karl nickte. »Ich weiß. Miller hat ihn
gestern kurz für The Stars and Stripes interviewt. – Du meintest heute
Morgen, dass du dich nachher noch mit Edith triffst.«
    »Ja. Birgit hat doch am Donnerstag
Geburtstag. Wir möchten ihr ein Kleid schneidern. Edith kennt einen Laden in
Westend, wo es guten Stoff gibt.«
    »Richtig, den Geburtstag hätte ich fast
vergessen.« Karl zog ein Notizbuch aus der Gesäßtasche. »Donnerstag? Ah, gut!
Da habe ich frei! Und du?«
    »Ich auch. Ich konnte meine Schicht mit
einer Kollegin tauschen.«
    »Birgit feiert im Oriental, nicht
wahr?«
    »Ja. – Soll ich dich später beim Jiu-Jitsu
abholen?«
    »Nicht nötig. Miller schaut nach
Dienstschluss bei Benno vorbei. Er will mich dann zu Hause absetzen.«
    Ein Trupp Air-Force-Soldaten näherte sich
der Snackbar. Karl verließ die Abflughalle durch einen Seiteneingang. Auf dem
Rollfeld vor Halle eins wurden zwei Dakotas entladen. Ein Pulk Arbeiter
schleppte Milchpulverkisten zu einer Reihe direkt neben den Maschinen parkender
Lastkraftwagen.
    »Morgen, Herr Meunier!«
    »Morgen, Herr Brandermann! Wie ich in der
Verwaltung hörte, haben Sie Ihr Tätigkeitsfeld in Tempelhof beachtlich
erweitern können.«
    Brandermann zeigte auf die Lkws. »Ich
bekam zufällig die Gelegenheit, günstig ein paar Wagen zu erwerben, da habe ich
zugeschlagen. Gerade im richtigen Moment, scheint’s. – Sie bringen mir bestimmt
die Papiere für meine Arbeiter.«
    Karl nickte und gab ihm die Verträge.
    »Gut. Soll ich sie später selbst in der
Verwaltung abgeben?«
    »Ja. Ich glaube, die haben dort sowieso
noch etwas mit Ihnen zu besprechen.«
    »Geht klar. – Sieht man sich am
Donnerstag im Oriental, oder müssen Sie an dem Tag arbeiten?«
    »Nein. Ich sprach gerade mit Vera
darüber. Donnerstag ist zufällig mein freier Tag. Wann geht es denn los mit der
Geburtstagsfeier?«
    »Wir kommen um drei Uhr mit den Torten – also
gegen vier, meine ich mal. Treffen Sie oder Fräulein Vera Herrn Hofmann
zufällig heute noch?«
    »Vera nicht. Sie ist mit Frau Jeschke
verabredet. Die beiden besorgen ein Geschenk für Birgit. Aber ich gehe direkt
nach der Arbeit zum Jiu-Jitsu in die Schlüterstraße.«
    »Ah, gut! Könnten Sie vielleicht im Oriental ausrichten, dass wir am Donnerstag circa zwanzig bis dreißig Personen
zu der Feier erwarten?«
     
     
    Als Vera gerade vor Ediths Wohnungstür
stand, ging diese auf, und zwei Männer traten in den Hausflur. Einer lüftete
seinen Hut und sagte: »Dann entschuldigen Sie bitte die Störung, Frau Jeschke,
aber wir sind halt verpflichtet, jedem Hinweis nachzugehen.«
    »Keine Ursache, meine Herren. – Komm
rein, Vera.«
    »Was haben die denn von

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