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Hungerkralle

Hungerkralle

Titel: Hungerkralle
Autoren: Jürgen Ebertowski
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zur Marine,
zu einer Küstenschutzkompanie an der holsteinischen Ostseeküste in der Nähe von
Eckernförde, eingezogen hatte. Karl und er hatten nicht nur ihre regelmäßigen
sportlichen Begegnungen in Erich Rahns Jiu-Jitsu-Übungskeller in der
Schöneberger Crellestraße gehabt, sondern sich auch in dem exklusiven Nachtklub
getroffen, der häufig von Adlon- Gästenfrequentiert worden war,
die Karl begleiten musste. Benno und Lilo, seine Frau, die Garderobenfrau vom Oriental, verabscheuten das braune Pack ebenso wie Karl und Vera. Einmal hatten vor
der Machtergreifung der Nazis drei sturzbetrunkene, baumlange SA-Männer eine
Schlägerei dort angezettelt. Sie waren alle von Fass-Benno, der bei der Arbeit
immer eine Art von Fantasie-Admiralsuniform getragen hatte, kurzerhand binnen
Sekunden an die frische Luft befördert worden. Nach 1933 waren natürlich auch
viele Nazibonzen im Oriental aufgekreuzt. Kassner hingegen hatte Karl
dort nie gesehen. Er und seine Gesinnungsfreunde waren bevorzugt nach der
Arbeit zum Trinken ins Hotel Kaiserhof gegangen, das ihr »Führer« häufig
beehrte. Und nachdem der Kaiserhof ausgebombt worden war, hatten sie
sich regelmäßig in den SA-Kneipen am Alex getroffen.
    Lilo hatte es einrichten können, erfuhr
Karl, ihrem »Dickerchen« nach Eckernförde zu folgen. Sie lebte noch immer dort.
Als wohl letzte Verstärkung der Verteidiger der »Festung Berlin« waren
blutjunge Marineangehörige, unerfahrene Etappenhengste, und wer sonst noch
entbehrlich war nach Berlin eingeflogen worden, unter ihnen Benno.
    »Ich hab ma aber bei
erstbester Jelejenheit von dieser Trieseltruppe abjeseilt. Beinahe wär’s
schiefjejangen. ‘n Joldfasan, so’n Obersturmbannführer und sein Adjutant , ham ma am
Landwehrkanal anjehalten und wollten meenen Marschbefehl sehn. So wat hatte ick
natürlich nich.«
    »Und?«
    »Ick hab doch überall die armen Kerle
baumeln sehn, mit’ m Schild ummen Hals.« Er spuckte aus. »Die SS-Heinis
waren zu langsam. Det halbe Magazin meiner MPi is dabei druffjejangen. Danach
hab ick ma schleunichst Zivilklamotten beschafft.«
    Benno hatte sich anschließend zu seiner
Wohnung nach Tempelhof durchgeschlagen, aber das Haus war nur noch ein einziger
Schuttberg gewesen. Er hauste jetzt in seiner Laube nicht weit vom Flughafen.
Karl war mit Vera öfter zum Kaffeetrinken im Hofmann’schen Schrebergarten
eingeladen worden, damals, als seine Geliebte im Oriental als
Rollschuhakrobatin und Bodenartistin aufgetreten war, und selbst dann noch
gelegentlich bei Veras seltenen Berlin-Aufenthalten, als die Artisten, Musiker
und fast sämtliche Schauspieler zur Truppenbetreuung der Frontsoldaten
eingesetzt waren, bevor alle in die Rüstungsbetriebe gesteckt oder als
Flakhelfer dienstverpflichtet wurden. Apfelkuchen hatte Lilo bei ihrem letzten
Besuch dort gebacken.
    Vera. Ab ihrem dreißigsten Geburtstag,
wenige Tage nach dem Einberufungsbefehl der über sechzigjährigen Männer für den
Volkssturm, musste sie für eine Woche in einer Munitionsfabrik arbeiten, später
war es ihr gelungen, als Hilfskrankenschwester eingesetzt zu werden, und sie
und Karl hatten sich höchstens noch drei, vier Mal für ein paar Stunden treffen
können.
    Und dann redete Karl.
    Kurz bevor die Freunde schließlich die
Kneipe betraten, legte Benno ihm die Hand fast zärtlich auf die Schulter. »Kopp
hoch, Karlchen! Wirst sehen, die Vera is ooch davonjekommen!« Seine Miene
verfinsterte sich. »Bloß diesem Dreckschwein Kassner wünsch ick det von janzem
Herzen nich. – Ick hab eenen jetroffen, der am Brandenburger Tor stand, wie det
Hotel in null Komma nix abjebrannt is. Da müssen doch Hunderte innen Flammen
krepiert sein! – Weshalb ick irjendwie dachte, du wärst ooch eener davon
jewesen. Denn det se dir zum Adlon- Volkssturmjeholt haben,
härteste ja der Lilo noch jeschrieben. – In russischen Uniformen sind se jetürmt,
sachteste?«
    »Ja.«
    Benno nickte. »Det passt. Ick kannte
welche von der Jestapo im Oriental, die jut Russisch konnten. Aber wat se da
jenau in den Tornistern hatten, weeßte nicht?«
    Karl schüttelte verneinend den Kopf.
    Die Kneipe am Spreeufer, flankiert von
zwei eingestürzten Häusern, hatte auch schon einmal bessere Tage gesehen. Die
Fensteröffnungen waren mit Brettern vernagelt, und eine schwere,
eisenblechbeschlagene Luftschutzkellertür diente als Eingangsportal. Im
vorderen Gastraum tranken ein paar Männer Bier – Groterjahn-Bier aus Flaschen.
Dass man in diesen Zeiten noch

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