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Hungerkralle

Hungerkralle

Titel: Hungerkralle
Autoren: Jürgen Ebertowski
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und hatte sich den Fuß verstaucht. Mit
zusammengebissenen Zähnen weiterhastend und halb von den Rauchschwaden
erstickt, hatte er sich nach draußen retten können. Wieder und wieder war er
auf russische Kampfeinheiten gestoßen. Die Soldaten hatten dem hageren Mann in
dem staubgepuderten und von Brandlöchern lädierten Anzug keine Beachtung
geschenkt. Karl Meunier, bereits seit Jahren stark ergraut und tagelang
unrasiert, zudem sich hinkend voranschleppend, war für sie lediglich einer der
vielen verstört umherirrenden Zivilisten, von denen sie nichts zu befürchten
hatten. 1884 geboren, hatte er unter den gegebenen Umständen in der Tat wie ein
alter, gebrechlicher Mann gewirkt. Es hatte dennoch an ein Wunder gegrenzt,
dass er inmitten der andauernden Kampfhandlungen lebendig bis zu seiner Pankower
Wohnung gelangt war.
    Die Sowjetsoldatin wedelte herrisch mit der weißen
Flagge. Die Leute an der Kreuzung setzten sich zögerlich in Bewegung. Karl
überholte eine Frau mit einer schweren Einkaufstasche. Scheinbar war auch sie
auf dem Weg zu einem der Tausch- und Schwarzmärkte im Stadtzentrum.
    Zwischen zerschossenen
Wehrmachtsfahrzeugen am Straßenrand spielten ein paar kleine Kinder Fangen.
Karl bewunderte sie für die Fähigkeit ihres schnellen Vergessenkönnens,
bewunderte und beneidete sie zugleich, denn diese Gabe war ihm, dem
Erwachsenen, nicht gegeben. – Vera. Lebte sie? Die Nacht, in der sie mit dem
überladenen, trägen Lazarettflugzeug Berlin verlassen hatte, war sternenklar
gewesen, und keine einzige Wolkenbank hatte gegen die alliierten Nachtjäger Sichtschutz
geboten, die in Pulks über der Stadt kreisten. Und erneut begann die quälende
Sorge um Veras Schicksal Karls Gedanken zu verdüstern. Lebte überhaupt noch
jemand, den er kannte?
    Als der letzte Widerstand von
verblendeten Hitlerjungen und fanatischen SS-Trupps endgültig gebrochen war und
die Berliner sich wieder verängstigt aus ihren Luftschutzkellern wagten, hatte
er sogleich versucht, mit Veras Eltern im Wedding Kontakt aufzunehmen. Ein Mann
in ihrer Straße berichtete ihm, dass Vater und Mutter Binder während des
Einmarschs der Russen umgekommen waren, als versprengte norwegische Soldaten
der Division »Nordland« vom Dachgeschoss ihres Wohnhauses aus die einrückenden
Sowjetsoldaten unter Beschuss genommen hatten. Karl hatte am darauf folgenden Tag
versucht, in Charlottenburg die Stammkneipe der Artisten und Akrobaten wieder zu
finden. Dort hatten sich Vera und Birgit, die zweite der »Wendura-Schwestern«,
und eine enge Freundin seiner Geliebten, oft nach ihren Auftritten mit Kollegen
getroffen. Opa Gieseckes Künstlereck gab es nicht mehr. Der gesamte
Häuserblock war bis zur Unkenntlichkeit zerstört, und der Verlauf der
anliegenden Straßen glich dem Wegelabyrinth einer nordafrikanischen Kasba.
    Am Anfang der Brunnenstraße saß ein
junger Mann auf einem Handwagen mit zerbrochenen Rädern. Man hatte ihm einen
großen Zettel ans Revers seines Jacketts geheftet. Die verbale Beschreibung
seines Leidens erübrigte sich. Dem Mann fehlten beide Hände, und wo sich einmal
seine Augen befunden hatten, waren jetzt zwei tiefe, eitrige Löcher.
    Karl steckte dem Krüppel eine Zigarette
zwischen die Lippen. »Soll ich sie anzünden?«
    Der Mann nickte nur stumm.
    Als Karl sich schließlich unter die
pulsierende, wispernde Menschenmasse vor dem Reichstag mischte, schien die Sonne.
Das Markttreiben dort war illegal. Es scherte aber niemanden, weder die beiden
russischen Majore, die gerade Fleischkonservendosen aus Armeebeständen gegen
einen Kasten mit Silberbesteck eintauschten, noch den mongolischen
Panzer-Unteroffizier, der ein Damenfahrrad für ein Päckchen Schwarztee
eintauschen wollte. Individuelle Plünderungen, wie sie in den unmittelbaren
Nachkriegswochen an der Tagesordnung gewesen waren, hatte die SMAD, die
Sowjetische Militäradministration Deutschland, ebenso wie Vergewaltigung unter
Strafe gestellt. Diese Befehle des Stadtkommandanten wurden neuerdings
größtenteils befolgt. Gegen den Schwarzmarkthandel ihrer Soldaten gingen die
Russen indes deutlich laxer vor. Die Militärverwaltung hatte auch schon erste
deutsche Ordnungshüter eingestellt, in Uniformen aus der Weimarer Zeit gesteckt
und mit Gummiknüppeln ausgestattet. Die Hilfspolizisten machten aber keinerlei
Anstalten, einzugreifen, und verfolgten nur mit gewichtiger Miene das
Geschehen. Mehr hätten sie ohnehin nicht tun können: Der Platz vor der
Reichstagsruine war ganz

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