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Hungerkralle

Hungerkralle

Titel: Hungerkralle
Autoren: Jürgen Ebertowski
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Stück Dauerwurst für meine Taschenuhr bekommen«,
sagte der alte Mann. »Eine echte Junghans«, fügte er betrübt hinzu.
    ›Immerhin etwas zum Beißen‹, dachte Karl
und überlegte, was er neben den wertlosen Reichsmarkfetzen in der Brieftasche
seinen Besitz nennen und nachher zum Reichstagsschwarzmarkt mitnehmen konnte.
Viel besaß er nicht, das sich noch als Tauschware eignete: ein Paar silberne
Manschettenknöpfe, eine halb volle Schachtel Muratti-Zigaretten, eine
Armbanduhr – eventuell auch der dicke Wintermantel. Da es auf den Sommer
zuging, würde er ihn wohl bald nicht mehr als zusätzlichen Bettüberwurf
benötigen.
    Die bleierne Wolkendecke, die seit
Sonnenaufgang über der Stadt gelegen hatte, begann sich stellenweise zu
lichten. Karl war an der Reihe, füllte den Eimer und kehrte in seine Behausung
zurück.
    Die Bezeichnung »Wohnung« verdiente das
Erdgeschossdomizil in der Florastraße, von dem jetzt nur noch die Küche
einigermaßen benutzbar war, kaum mehr. Berlin hatte am 18. März den schwersten
Tagbombenangriff seit Kriegsbeginn erlebt. Alle oberen Etagen waren dabei
ausgebrannt. Den unteren hatte später russischer Artilleriebeschuss den Rest
gegeben. Nicht nur Karls Büchersammlung lag unter den meterhohen Trümmern.
Alles hatte er an dem Tag verloren: Wohnzimmer, Schlafzimmer, Möbel, Kleider – alles
bis auf die Küche gleich hinter der Wohnungstür. Der Weg dorthin führte über
halb verkohlte, wackelige Kellerdeckenbalken. Außer Karl traute sich niemand
mehr, in dem Haus zu wohnen, denn vor einer Woche war die Fassade des
Quergebäudes durch die Explosion eines Blindgängers zusammengestürzt und hatte
mehrere Todesopfer gefordert. Auch in der Wollankstraße war an dem gleichen Tag
eine Gruppe Trümmerfrauen bei Räumarbeiten durch urplötzlich detonierende
Artilleriegranaten ums Leben gekommen.
    Eine Luftmine hatte Karls Wohnungstür im
Januar aus den Angeln gerissen. Behelfsmäßig wieder eingesetzt, bot sie
momentan, obwohl abschließbar, nur einen höchst fragwürdigen Schutz gegen
Eindringlinge. Aber wer es aufs Plündern abgesehen hätte, dem würde auch das
mit Brettern vernagelte Küchenfenster kein ernst zu nehmendes Hindernis bieten,
durch das ein Ofenrohr ins Freie ragte. Es war der umgeleitete Rauchabzug der
Kochmaschine, auf der Karl nun das Kaffeewasser in einem Aluminiumtiegel
erhitzte. Dann bestrich er den ihm verbliebenen schmalen Brotkanten mit einer
blassgelben Tunke, die sich Marmelade nannte.
    Wenigstens herrschte an Feuerholz kein
Mangel. Er musste sich bloß an den zerbrochenen Fensterkreuzen und Dielenbalken
vor dem Küchenfenster im Hof bedienen, die aus den Fassadentrümmern ragten. Um
Karls Nahrungsvorräte war es schlechter bestellt. Vom Verhungern trennten ihn
eine kleine Dose Ölsardinen, eine Tüte Graupen und eine Handvoll Zuckerwürfel.
    Nachdem er seinen Becher Ersatzkaffee
getrunken und den frugalen Morgenimbiss verzehrt hatte, rasierte er sich mit
dem restlichen Warmwasser. Ohne Seife und wegen der stumpfen Rasierklinge
geriet die Prozedur zu einer Qual. Dann machte Karl sich von Pankow aus auf die
Wanderung durch die schier endlose Ruinenlandschaft nach Mitte. Die Schwellung
am Fußknöchel war zurückgegangen. Die Verstauchung, die Karl sich bei der Flucht
aus dem Adlon zugezogen hatte, spürte er noch immer. Besonders schmerzte
der Knöchel nach einem ganzen Tag auf den Beinen, aber wenn er dann nachts die
Stelle mit einem kalten Tuch umwickelte, schwoll der Fuß bis zum nächsten
Morgen zumeist wieder deutlich ab.
    Nichts erinnerte mehr an die einstmals
blühende Spreemetropole. Karls geliebtes Berlin war zu einem Geröll-Karthago
der Neuzeit nivelliert, in dem selten ein vertrautes Gebäude Orientierung bot.
In dieser Schuttwüste, deren bleiche, ausgemergelte Bewohner sich noch
glücklich schätzen durften, falls sie irgendwo in einem feuchten Keller
Unterschlupf fanden oder in einem halbwegs intakten Haus wohnen konnten – in
dieser steinernen Ödnis würde ein ortsunkundiger Besucher fortan einen Kompass
benötigen, um an sein Ziel zu gelangen.
    Auf einer bereits von Trümmerschutt
geräumten Kreuzung vor dem Gesundbrunnen-Bunker regelte eine russische Soldatin
mit umgehängter Kalaschnikow den Verkehr. Viel zu tun hatte sie nicht, wenn man
von den paar Panjewagen und gelegentlichen Panzern der Sowjettruppen absah, die
unterwegs waren. Bis zum Ende hatte Goebbels davon gefaselt, dass die
Kriegswende dank bis dato unbekannter modernster

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