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Hoellenglanz

Hoellenglanz

Titel: Hoellenglanz
Autoren: Kelley Armstrong
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1
    N ach vier Nächten als Flüchtling war ich endlich wieder in Sicherheit, lag im Bett und genoss den tiefen, traumlosen Schlaf der Toten … bis die Toten beschlossen, dass ich ihnen wach lieber war. Es begann mit einem Lachen, das sich in meinen Schlaf hineinschlängelte und mich aus ihm herauszog. Als ich mich auf die Ellenbogen hochstemmte, blinzelte und mich zu erinnern versuchte, wo ich eigentlich war, schien ein Flüstern um mich herumzugleiten, ohne dass ich die Worte verstehen konnte.
    Ich rieb mir die Augen und gähnte. Trübes graues Licht sickerte durch die Vorhänge. Im Zimmer war es vollkommen still. Keine Geister, Gott sei Dank. Von denen hatte ich in den letzten paar Wochen genug gesehen und gehört, dass es mir für den Rest meines Lebens gereicht hätte.
    Ein Kratzen am Fenster ließ mich zusammenfahren. Zurzeit hörte sich jeder an die Scheibe schlagende Zweig in meinen Ohren an wie ein Zombie, den ich beschworen hatte und der Einlass forderte.
    Ich ging zum Fenster und zog die Vorhänge zur Seite. Wir hatten das Haus in der einsetzenden Morgendämmerung erreicht, ich wusste also, dass es mindestens Vormittag oder noch später sein musste, aber der Nebel draußen war so dicht, dass ich nichts erkennen konnte. Ich beugte mich vor und drückte die Nase an das kalte Glas.
    Ein Insekt klatschte gegen die Scheibe, und ich machte vor Schreck einen Satz. Hinter mir lachte jemand auf.
    Ich fuhr herum, aber Tori lag noch im Bett und wimmerte im Schlaf. Sie hatte die Bettdecke weggestrampelt und lag zusammengerollt auf der Seite. Ihr dunkles Haar hob sich stachelig gegen das Kissen ab.
    Wieder ein Lachen hinter mir. Deutlich ein männliches Lachen. Aber es war niemand da. Halt – ich
sah
einfach niemanden. Für eine Nekromantin bedeutet das nicht notwendigerweise, dass niemand da ist.
    Ich kniff die Augen zusammen, versuchte das Schimmern eines Geistes zu erkennen und sah zu meiner Linken eine Hand aufblitzen. Sie war fort, bevor ich mehr erkennen konnte.
    »Suchst du jemanden, kleine Nekromantin?«
    Ich fuhr herum. »Wer ist da?«
    Ich bekam ein Kichern zur Antwort, die Sorte Kichern, die jedes fünfzehnjährige Mädchen schon etwa eine Million Mal von irgendwelchen Widerlingen in der Schule gehört hat.
    »Wenn du mit mir reden willst, wirst du dich schon zeigen müssen«, sagte ich.
    »Mit dir reden?«, antwortete er im arroganten Tonfall eines Highschool-Quarterback. »Ich glaube, du bist es, die mit mir reden will.«
    Ich schnaubte und machte mich auf den Weg zurück zum Bett.
    »Nein?« Die Stimme glitt um mich herum. »Hm. Und ich dachte, du willst vielleicht mehr über die Edison Group, die Genesis-Experimente, Dr. Davidoff wissen …«
    Ich blieb stehen.
    Er lachte. »Dachte ich’s mir doch.«
    Wir vier – Tori, Derek, Simon und ich – waren auf der Flucht vor der Edison Group, nachdem wir herausgefunden hatten, dass wir Versuchsobjekte in dem sogenannten Genesis-Projekt waren, einem Experiment zur genetischen Modifikation von Paranormalen. Meine Tante Lauren hatte zu den an dem Projekt beteiligten Ärzten gehört, aber sie hatte ihre Kollegen verraten, indem sie uns bei der Flucht geholfen hatte. Jetzt war sie ihre Gefangene. Das jedenfalls hoffte ich. In der vergangenen Nacht, als die Edison Group uns aufgespürt hatte, hatte ein Geist mir zu helfen versucht … ein Geist, der ausgesehen hatte wie meine Tante Lauren.
    Nun waren wir angeblich in einem Schutzhaus, geleitet von einer Gruppe, die den Experimenten ein Ende machen wollte. Und gerade jetzt tauchte der Geist eines Teenagers auf, der über das Projekt Bescheid wusste? Den würde ich kaum bannen, so groß die Versuchung auch sein mochte.
    »Zeig dich«, sagte ich.
    »Kommandierst du mich rum, kleine Nekro?« Seine Stimme glitt in meinen Rücken. »Du willst ja bloß sehen, ob ich so heiß bin, wie ich mich anhöre.«
    Ich schloss die Augen, stellte mir eine unbestimmte männliche Gestalt vor und versuchte es mit einem leichten Ruck. Er begann Gestalt anzunehmen – ein dunkelhaariger Junge, sechzehn, siebzehn vielleicht, nichts Besonderes, aber mit dem selbstgefälligen Lächeln eines Typs, der sich dafür hielt. Ich konnte immer noch durch ihn hindurchsehen, als wäre er ein Hologramm, also schloss ich die Augen und gab ihm noch einen Ruck.
    »Oh-oh«, sagte er. »Wenn du mehr willst, sollten wir uns vorher ein bisschen besser kennenlernen.« Er verschwand wieder.
    »Was willst du?«, fragte ich.
    Er flüsterte mir ins

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