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Höhlenangst

Höhlenangst

Titel: Höhlenangst
Autoren: Christine Lehmann
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    Es fing nicht harmlos an. Ich fuhr die Haarnadelkurven in der Gebirgsfalte des Albtraufs unterhalb der Märchenburg Lichtenstein hinauf. Dabei nahm Brontë fast den Radfahrer auf die Schnauze, der die Kurven hinaufochste. Brontë gehorchte mir immer noch nicht so recht, mein hochzeitsweißer Porsche 356 B 1600 Super 90 mit nuttenroten Ledersitzen und gut vierzig Jahren auf den Zylindern.
    Trochtelfingen fachwerkelte im Tal auf der Alb an einem Bach zwischen bewaldeten Schenkeln. Es besaß eine Hauptstraße mit Giebelrathaus und einem gestauchten Wehrturm mit quer liegenden wulstigen Schießscharten. In der pfingstfeiertäglichen Einöde saß Janette an einem der beiden Tische vor dem Café Hanner, Die Sonne herzte ihr dunkeläugiges Gesichtchen mit den wie mit spitzem Bleistift gezeichneten Mundwinkeln, aus denen sich ehrgeizige Lippen aufwarfen. Noch hatte sie das biegsame Figürchen einer Siebzehnjährigen, das sie mit einem wuchtigen Gürtel betonte.
    »Schick siehst du aus.« Ich beugte mich zum Küsschen.
    Sie wich aus. »Und du hast dich immer noch nicht entschieden, ob du ein Bue bisch oder ein Mädle.«
    »Zu meiner Narbe im Gesicht passt Rosa einfach nicht.«
    »Ach ja, dein Unfall. Wie lange ist das her? Meine Laura ist jetzt auch schon neun. Wie geht es deiner Mutter?«
    »Sie betet, also lebt sie.«
    Sechs Jahre lang hatten Janette und ich in der Schule nebeneinander gesessen, in meinem Kaff unterhalb der Schwäbischen Alb. Janette kam eigentlich »von der Alb ra«, wie man so sagte, aus Laichingen. Die Karriere ihres Vaters als Rathausangestellter hatte sie zuerst hinunter nach Vingen in meine Schulbank geführt und sie mir dann, als wir vierzehn waren, nach Reutlingen entfuhrt, nur ein paar Kilometer weiter, aber aus der Welt.
    Im Spätsommer vergangenen Jahres hatte ich ihre Stimme wiedergehört, als ich beim Reutlinger Tagblatt anrief, um mir von den Kollegen die Einzelheiten über den Großeinsatz der Höhlenrettung an der Falkensteiner Höhle bei Bad Urach erzählen zu lassen. Fünf Stuttgarter Jugendliche hatten nach einem Regenguss zwei Tage lang in der Reutlinger Halle hinter dem ersten Siphon ausharren müssen, bis Taucher sie holten.
    »Ich hätte nie gedacht«, sagte sie, »dass du wirklich kommst.«
    Ich bestellte erst einmal Kaffee und Herrentorte, ehe ich sie enttäuschte. »Ich brauche deine Hilfe.«
    »Als Kollegin?«
    »Nein. Ich bin nicht mehr beim Stuttgarter Anzeiger , Sie haben mich rausgeworfen.«
    Janette zog die Bögen gezupfter schwarzer Brauen hoch. »Es geschehen noch Zeichen und Wunder! Sitzt deinetwegen nicht der Chefredakteur in U-Haft?«
    »Kann sein. Aber das ist Schnee von gestern. Jetzt su che ich einen Staatsanwalt aus Stuttgart, der seit einer Woche hier oben auf der Alb verschwunden ist. Offiziell hat er drei Wochen Urlaub genommen.«
    Janette blickte mich interessiert, aber verständnislos an.
    »Das kann aber nicht sein«, fuhr ich fort, »denn die Pfingstferien sind den Kollegen mit Kindern vorbehalten. Und ich kann ihn auch nicht auf seinem Handy erreichen.«
    Janette verdrückte mehr Enttäuschung in ihre Mundwinkel, als ihr zustand. »Was interessiert dich dieser Staatsanwalt?«
    »Ich denke, er hat Vorermittlungen aufgenommen. Und da er ein ziemlich hohes Tier ist, muss es um etwas Hochbrisantes gehen.«
    »Um den Truppenübungsplatz Münsingen, würde ich sagen«, platzte es aus Janette heraus. »Der wird nämlich dichtgemacht zum Jahresende.«
    Herrentorte und Kaffee kamen. Janette steckte sich ei ne Zigarette an und blickte diätscheu über die Glut hinweg auf meine Gabel, die knackend in den Schokoguss einbrach.
    »Und was passiert da?«, fragte ich. »Die Soldaten ziehen ab …«
    »Die sind schon weg. Seit anderthalb Jahren. Bis auf ein paar Hanseln.«
    Janette versuchte woandershin zu paffen, aber der Wind drehte routiniert auf mich. Die Herrentorte bestand aus unsüßem Schokoplüsch mit Schichten von Kaffeecreme und Träublesgsälz.
    »Und nun?«, fragte ich weiter.
    »Das Gelände geht ans Finanzministerium, und unser neuer Ministerpräsident will daraus ein Biosphärengebiet machen. Stand aber alles in der Zeitung.«
    Ich kaufte mir keine mehr, um meinen früheren Arbeitgeber zu strafen. Ich hatte aber den Verdacht, dass er das gelassen sah.
    »Nun tobt natürlich der Kampf zwischen Naturschutz und Wirtschaftsinteressen. Die IHK Reutlingen glaubt, man könne vierzig Millionen Euro Kaufkraftvolumen aus dem Gelände herausholen, wenn man

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